Büchertausch an jedem Dienstag

Dienstag ist read!!ing room - Tag und nebenbei wir sind auch auf Facebook
Dienstag ist read!!ing room – Tag und nebenbei wir sind auch auf Facebook

Folgende E-Mail erreichte uns:

Betreff: Bücher.Tausch.Tratsch“-Tage (jeweils am 1. Dienstag im Monat

Nachricht: Wann ist der nächste Termin: Di, 5. Juli? Und um welche Uhrzeit und wo?

Wir möchten diese Anfrage zum Anlass nehmen, alle Unklarheiten zu beseitigen. Der Dienstag ist read!!ing room-Tag. Das bedeutet, dass das read!!ing room Team an jedem Dienstag zwischen 18.00 und 20.00 Uhr anwesend ist und für Fragen, Wünsche, Beschwerden und Anregungen offen ist. Natürlich können auch alle interessierten Besucher/innen, Autor/innen, Kunstfreunde usw. einfach nur vorbeischauen, um in unserem Bücherfundus zu stöbern. Eine Kaffeemaschine gibt es ja auch.

In letzter Zeit haben wir viele englische Bücher bekommen, sogar asiatische Kochbücher waren dabei. Daher freuen wir uns auf den Besuch – wie gesagt an jedem Dienstag.

Derzeit sind wir übrigens sehr leicht zu finden: Ein Baukran steht direkt vor unserer Tür.

Buchpräsentation 2: „Die Mutter“ von Marianne Hainisch

Nach der ersten Buchpräsentation am 21. Mai im Rahmen des „Bund Österreichischer Frauenvereine“ wurde die Neuausgabe von Marianne Hainischs „Die Mutter“  am österreichischen Vatertag zum zweiten Mal präsentiert. Gerade der österreichische Vatertag und der parallel in Luxemburg gefeierte Muttertag sollten als eine Art „Gendertag“ einen guten Rahmen für die Präsentation darstellen. Allerdings folgten der Einladung der Edition Libica und des read!!ing room weniger Menschen als erhofft. Das handverlesene Publikum ließ es sich jedoch nicht nehmen intensiv und lebhaft über die Frauenrechte im Jahre 2016 zu diskutieren. Die Herausgeber/innen des Bandes stellten auch während der zweiten Präsentation des Buches fest, dass „Die Mutter“ von Marianne Hainisch aktueller sei denn je. Wie bei vielen anderen Texten aus der ersten „Welle“ des Feminismus und der Frauenbewegung würde es reichen das Datum – im Falle von „Die Mutter“ handelt es sich um das Jahr 1913 – durch das aktuelle Datum zu ersetzen und der Text behielte dennoch über weite Strecken seine Aktualität.

Die Präsentation wurde in einer Interviewform geführt. Simone Stefanie Klein stand als Herausgeberin des Bandes und als Chefin der Edition Libica Rede und Antwort. Sie meinte, auf die Frage hin, wie Marianne Hainisch die Situation der Frauen heute bewerten würde: „Sie würde sich sicherlich freuen, dass einige rechtliche Dinge sich verbessert haben. Aber da vieles nach wie vor im Argen liegt, würde sie wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammen schlagen“, so Simone Stefanie Klein, die den Bildteil und die grafische Gestaltung des Bandes übernahm.

„Die Mutter“ von Marianne Hainisch ist erhältlich im read!!ing room zum Preis von 17.90 Euro und kann auch direkt über den Verlag bezogen werden.


Link: Edition Libica

Eiertanz und Weiberrauschen: Ein flotter Dreier der anderen Art

Werfen Sie Texte einer französischen Adligen aus der Renaissance in einen Topf, gießen, nein, schütten Sie deftige Bauernregeln dazu und würzen Sie das Ganze mit einer Prise moderner Eifersucht. Das ist das Rezept für „Eiertanz und Weiberrauschen“. Was die Schauspieler*innen  David Ketter, Sven Stäcker und Birgit Unger am vergangenenen Freitag (10. Juni 2016) auf den Laminat, der die Welt des read!!ing room bedeutet, an Energie und Spielfreude brachten, sprengte den Rahmen einer behutsamen szenischen Lesung. Selten wurde im Souterrain in der Anzengrubergasse mit einer derartigen Spielfreude gezankt, beleidigt, gebuhlt und gespielt, wie an diesem denkwürdigen Abend.

Sauschwänze und andere Gemächte

Im Zentrum der Aufführung standen einige Texte aus Margarete von Navarras „Heptameron“, mit dem die französische Adlige (1492-1549) das berühmte „Decamerone“ von Boccaccio nachzubauen suchte.  Die Rahmenhandlung wurde von den drei Schausspielern komplett verändert. Um die einzelnen Texte herum, inszenierten  Ketter, Stäcker und Unger eine ménage-à-trois voller Eifersüchteleien und lustvollen Beleidigungen in Form von Bauernregeln und Sprüchen. Es wurde richtig deftig, wenn die „holde Maid“ darüber sinnierte, dass „der Stute ein Hengst lieber sei als zwei Stiere“ oder sie den älteren der beiden Galane wissen ließ, dass „ein krummer Sauschwanz niemals ein aufrechtes Jägerhorn“ werden könne. Diese zweideutigen „bon mots“ warfen die Schauspieler*innen sich und dem anwesenden Publikum um die Ohren. Mit einer guten Portion Stehgreifvermögen und Frechheit, sorgten sie für Tempo in der Darbietung. Kurzerhand wurde das „Ensemble“ um drei Handpuppen aus dem Hause Stäcker erweitert. Zwischen den Geschichten, die oftmals die Schattenseite der Liebe (Eifersucht, Betrug, Machtmissbrauch) thematisierten, duellierten sich die beiden männlichen Kontrahenten nicht nur mit Worten, sondern auch mit Seifenblasen, Wasser und Altpapier („Du bläst, ich spritze“). Ein Schaukampf wurde zwar standesgemäß mit Degen und Gerte gefochten, erinnerte doch absichtlich sehr stark an Bud-Spencer-Filme in Zeitlupe. Zum Gaudium des Publikums…

Einige Eindrücke

„Eiertanz und Weiberrauschen“ bezog natürlich seine Unterhaltung aus dem menschlichsten Thema aller Themen, machte jedoch auch deutlich, dass unsere Vorfahren aus dem Mittelalter und der Renaissance sich in vielerlei Hinsicht kein Blatt vor den Mund nahmen. Die Texte von Margarete von Navarra und ihren Zeitgenoss*innen lassen einige vermeintlich aktuelle Meisterwerke der Erotikliteratur nur einen Schatten ihrer selbst sein – und auch die Zusammenstellung der Texte zeigte, dass es nicht nur um den Austausch von Obszönitäten ging, sondern auch um die Machtspiele, die oft und allzu oft unter dem Deckmäntelchen der „Liebe“ sich versteckten (Zwei Franziskaner und die Braut). Der sprachliche Genuss war deutlich: Es wurden derartig viele Metaphern für die menschlichen Sexualorgane benutzt, dass selbst der eine oder andere kleine textliche Hänger als Teil des Spiels und des Spielens durchgehen musste.  Und was war die Moral der Geschicht: wenn zwei sich streiten, rauscht die dritte gerne davon. Was übrig bleibt sind zwei „Königskinder“ und nicht mehr als ein Eiertanz.

Vom Eiertanz zum Mühlenverkauf

Derzeit bietet der read!!ing room verstärkt Lesungen und Aufführungen mit Texten aus vergangenen Tagen an. Jene, die „Eiertanz und Weiberrauschen“ verpassten, können sich am 09. Juli um 19.30 Uhr eine Adaptation von Boccaccios Decamerone „einverleiben“. Sven Sträcker wird dann mit Valerie Anna Gruber lesen/spielen. Bereits am 02. Juni performte Ben Everding „Wir müssen die Mühle unseres Vaters verkaufen“. Everdings Kabarett baut auf literarischen Vorbildern auf, die dann kurzerhand umgeschrieben und adaptiert wurden. So ließ es sich Ben Everding nicht nehmen „50 Shades of Mühle“ zu performen oder das Alter Ego von Karl Kraus in einem Wiener Vorstadtbeisl in Ottakring dem Volke so richtig auf’s Maul schauen.

Nacht der Philosophie: 100 Jahre DADA

Zum dritten Mal wurde die „Nacht der Philosophie“ am 25. Mai 2016 im read!!ing room bestritten. Traditionell verantwortlich für diesen Abend sind Simone Stefanie Klein und Karl Neubauer, die sich heuer auf die Suche nach dem „Sinn im Unsinn“ begaben.

1916 ist ein Jahr der vielfältigen Jubiläen. In ihrer Einleitung streiften Neubauer und Klein die diversen Gedenkjahre – von Kaiser Franz-Joseph II bis hin zu Shakespeare um schließlich auch die erste Erscheinung von DADA in Zürich vor 100 Jahren zu beschreiben. Wer die beiden kennt, weiß, dass eine derartige Rückschau nicht ohne Augenzwinkern, Witz und Ironie geht und es den Autor/innen stets ein Anliegen ist, die kanonisierten Philsophen ein wenig auf die Schaufel zu nehmen – und sei es nur, dass Karl Neubauer bei der Erwähnung des Philosophen Leibniz‘ mit einer Schachtel eines Butterkekses um die Ecke kommt. Die Berechtigung von Leibniz in einer DADA-Hommage liegt darin begründet, dass er vor 300 Jahren von uns ging.

Von Shakespeare zur DADA

Mit einer Wortspielerei zu Shakespeares berühmtem Satz „To be or not to be“, die über „To be or to do“  zu Frank Sinatra „Shooobidooo“ und Fred Feuersteins „Yaaabbaaaduu“ führte, wurde das DADA-Fass vollends angestochen. Ganz im Sinne der Erfinder Ball, Huelsenbeck und Co. wurde mit diesem Vierzeiler demonstriert wie nahe Sinn und Unsinn beieinander liegen können und dass gerade das Spiel mit Gleichklang, Homonymen und dem Prinzip Zufall sehr schnell lieb gewonnene Gewissheiten und Merksätze zerstören kann. Klein/Neubauer aktualisierten spielend DADA, betonten jedoch gleichzeitig, dass DADA sich jeder Kategorisierung verweigern würde. Ein derart offener Zugang scheint in einer Zeit, in der alles katalogisiert, bewertet und vermessen werden muss, noch immer revolutionär.

Emmy Hennings

Simone Stefanie Klein ließ es sich nicht nehmen, Emmy Hemmings ihre Reverenz zu erweisen. Die Schauspielerin und Dichterin, die als einer der wenigen Frauen entscheidend bei der Gründung von DADA involviert war, heiratete Hugo Ball und verwaltete nach dessen Tod 1927 nicht nur den Nachlass ihres Mannes, sondern arbeitete als Schriftstellerin. Nur nebenbei bemerkt: Ball und Hennings wendeten sich relativ rasch von DADA ab und beschäftigten sich intensiv mit einem orthodoxen Katholizismus, Mystik und Exorzismus.

DADA beweist: aktuelle Wirtschaftsdiskurse sind DADA

Klein und Neubauer wandten ein weiteres DADA-Prinzip – nämlich jenes der Übertreibung an – und legten die Parameter „Kostenersparnis und Effizienzsteigerung“ auf eine Aufführung von Schuberts „Unvollendeten“ um. Dabei exemplifizierten sie, wie die Prinzipien  Kostensenkung und Effizienzsteigerung, die ja in den meisten Fällen als äußerst sinnvoll gepriesen werden, zu einem rechten Unsinn mutieren können, wenn sie als bloßes Prinzip ohne Sinn und Verstand angewendet werden. In Form eines fiktiven Briefes von Managern an das Konzerthaus wurden einige Vorschläge unterbreitet, wie man Schuberts „Unvollendete“ unter den Geschichtspunkten Kostensenkung und Effizienzsteigerung optimieren könne: Vom Wegfall der Pausen bis zur Streichung von Wiederholungen war alles dabei. Die Suggerierung, dass Schubert seine Sinfonie in h-moll doch eigentlich vollenden hätte können, wenn er die oben genannten Prinzipien berücksichtigt hätte, zeigte die Absurdität gewisser Mechanismen an, die wir im Alltag jedoch oft allzu leicht zu akzeptieren bereit sind.

Das Publikum als Mitspieler/in

DADA wäre nicht DADA ohne „interaktives Moment“. Klein und Neubauer bezogen das Publikum natürlich mit in ihren Vortrag ein, um ein spontanes DADA-Gedicht entstehen zu lassen (siehe unten). Alle Anwesenden sollten – vollkommen unabhängig voneinander – jeweils ein Wort auf ein Kärtchen schreiben, das dann am Ende des Vortrags zu einem Gedicht zusammen gesetzt wurde. Diese Methode wurde von André Breton im Surrealismus „perfektioniert“ und mündete in einer Technik, die auch heute noch als „jeu du cadavre exquis“ bekannt ist und bei Deutschkursen etwa gerne eingesetzt wird um Kongruenz und Kohärenz zu berarbeiten. Selbstredend hatten die beiden Vortragenden diese Methode anhand einer hiesigen Gratiszeitung ausprobiert und das Wortmaterial eines beliebigen Artikels in seiner Einzelbestandteile zerlegt, gerührt und geschüttelt. Das Ergebnis sorgte selbstredend für Lacher.

In einem weiteren Block ging man der Frage nach, wieso die zunehmende Spezialisierung der Expert/innen zu mehr Idiotie/Laientum führen würde. Eine besondere Mengenlehre und die Analyse von klassischen meteorologischen Ansagen mit den Mitteln der Logik (Gegeneinanderstellen von Propositionen) brachte doch interessante Ergebnisse. Klein/Neubauer traten den Beweis an, dass die Ausdrucksweise und Sprache der Meteorologie oftmals nicht weit von klassischen Bauernweisheiten entfernt ist.

Als Höhepunkt des Abends dürfte wohl der Vorschlag gelten, die textlose europäische Hymne mit einem DADA-Text zu versehen. Dabei wurden die einzelnen Landessprachen respektive ihre Bezeichungen in Silben zerlegt und erneut zusammen gebaut. Die unterschiedlichen Ergebnisse – die mit einer Art Poesieautomat à la Enzensberger generiert wurden – waren sinnfrei und ergaben doch eine gewisse Klangmelodie, die unterschiedlicher nicht sein könnte. Der Vorteil dieser Heransgehensweise: Sie wäre sogar in einem größeren Rahmen praktikabel. Jedwede Diskussionen um fehlende Gleichberechtigung oder Rücksichtnahme auf Volksgruppen etc. wäre a priori nicht notwendig, da der weitgehend sinnbefreite Text kaum die Gefühle einer Minderheit oder einer Gruppierung verletzten könnte.

Tractatus 2.0.

Der Abschluss gehörte natürlich wieder der Philosophie. Klein und Neubauer bauten die These auf, dass Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus in Wirklichkeit ein dadaistisches Werk sei und kreierten kurzerhand den Tractatus 2.0. Dabei befinden sich Klein und Neubauer in guter Gesellschaft. Der Tractatus ist ebenso künstlerisches Vorbild, denn philosophisches Standardwerk. Der Finne M. A. Numminen vertonte den Tractatus so z.B. auf seine spezielle Weise.

Abschließend wurde noch das Publikumsgedicht vorgetragen, das ich Ihnen an dieser Stelle auf keinen Fall vorenthalten möchte:

Keks
bärige Butterkeksblume
der read!!ing room
ad ad ad usum
schnurzel ist lustig
wie schach ist matt
Gurkenscheiben

Buchpräsentation: „Die Mutter“ von Marianne Hainisch

Am 21. Mai 2016 fand in den Räumlichkeiten des „Bund der Österreichischen Frauenvereine“ die offizielle Buchpräsentation der Neuauflage von „Die Mutter“ von Marianne Hainisch statt. Kein Ort war besser geeignet die Buchpräsentation auszurichten als jener Verband, den Hainisch selbst 1902 gründete. Der Verband, mit Sitz in der Wilhelm Exner-Gasser im 9. Wiener Gemeindebezirk, hatte eingeladen und zahlreiche Mitglieder und einige Gäste, sowie viele Mitglieder der weit verzweigten Familie Hainisch waren gekommen, um dem Festakt beizuwohnen.

Der BÖFV als Gastgeberin

Die aktuelle Vorsitzende des BÖFV, Eleonore Hauer-Róna, fungierte als perfekte Gastgeberin. Sie stellte nicht nur den Raum zur Verfügung, sondern hatte ebenfalls den „Club der Wiener Musikerinnen“ gebeten, die Veranstaltung mit Kompositionen von Nancy Van de Vate zu untermalen.

Eleonore Hauer-Róna begrüßte als Hausherrin die Gäste und führte in das Programm des Abends ein. Sie schloss einige Erläuterungen an. Hauer-Róna verwies z.B. auf Marianne Hainischs berühmte Rede von 1870 im Frauenerwerbsverein, in der sie die fehlenden Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen zum ersten Mal anprangerte. Als Hainisch am 05. Mai 1936, also vor genau 80 Jahren, im Alter von 97 Jahren verstarb, hatte sich die Lage grundlegend geändert. Die ersten Frauen hatten mittlerweile sogar „Karriere“ an der Universität gemacht.

Musik von Nancy Van de Vete, Rosa Mayreder und die Edition Libica

Ruth Spindler gestaltete den ersten musikalischen Teil am Klavier und spielte eine Auswahl aus den „Fünf Herbstszenen“ von Nancy Van de Vete. Diese Komposition erschien in ihrer atonalen Art sehr passend, immitierte sie doch in Stil und Ton die zeitgenössische Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Simone Stefanie Klein schloss mit einer kurzen Verlagspräsentation an. Sie verwies auf die allererste Publikation des Verlages, die Rosa Mayreder gewidmet ist und eine Neuauflage von Mayreders „Fabeleien“ beinhaltet. „Die Mutter“ von Maranne Hainisch sei die zwölfte Publikation des Verlages und mit ihr schließe sich ein Kreis. Simone Stefanie Klein nutzte die Gelegenheit und erläuterte grundlegende Unterschiede zwischen Hainisch und Mayreder. So habe die Doyenne der österreichischen Frauenbewegung stets die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau in den Vordergrund ihrer politischen Aktivitäten gerückt, während Rosa Mayreder als Schriftstellerin, Philsophin und Malerin grundsätzlich die Geschlechterrollen kritisiert hätte.

Die Aktualität von Marianne Hainisch

Nach einem erneuten musikalischen Beitrag von Ruth Spindler („Lento for Piano“, eine Komposition aus dem Jahre 1961 von Nancy Van de Vate) nutzte Thierry Elsen die Gelegenheit, um in seinem Beitrag die Beziehung zwischen Elise Richter, der ersten und einzigen habilitierten Frau in der Monarchie, und Marianne Hainisch darzustellen. Der Kontrast zwischen den beiden Frauen, die gemeinsam (partei)politisch aktiv waren, diente dazu Marianne Hainisch noch besser zu skizzieren. Außerdem arbeitete Elsen die Bezüge zwischen „Die Mutter“ aus dem Jahre 1913 und der frauen- und gesellschaftspolitischen Aktualität anno 2016 heraus. Ohne eine geschichtszyklische Position zu bemühen, arbeitete er in Anlehnung an Nietzsches Geschichtskonzept, die Notwendigkeit heraus, sich der Vergangenheit zu erinnern. Folglich schloss er seinen Beitrag auch mit einem Zitat aus den „Unzeitgemäße Betrachtungen“ und wünschte den Anwesenden, dass Marianne Hainischs Text Trost, Genossin und Vorbild sei.

Die Veranstaltung klang mit der Komposition „Lament für Bali“ und einigen Zitaten von Marianne Hainisch aus, die Eleonare Hauer-Róna zum Besten gab. Sie leitete so in die Diskussion und in den informellen Teil des gelungenen Abends ein.

Einige Impressionen der Präsentation Fotos (c) www.roekl.com

Links:

Neu erschienen: „Die Mutter“ von Marianne Hainisch

In Zusammenarbeit mit der Edition Libica und dem BÖFV erschien dieser Tag ein neu aufgelegter Text von Marianne Hainisch. Bei „Die Mutter“ handelt es sich  um eine Rede, die Marianne Hainisch, Miterfinderin des Muttertages, Begründerin der Österreichischen Frauenpartei und Führungsmitglied des BÖFV, 1913 veröffentlichte und der wesentliche Punkte im Verständnis von Marianne Hainisch berichtet. Der Aufsatz setzt sich nicht nur mit der Mutterrolle auseinander, sondern auch mit den Themen Erziehung, Gleichberechtigung und Rechtslage. Eine Bildcollage führt des Weiteren durch Leben und Werk von Marianne Hainisch, deren Todestag sich heuer am 05. Mai zum 80. Mal jährte. Ein kritischer Kommentar ergänzt das Werk.

Die erste Präsentation des knapp 100-seitigen Bandes wird am 21. Mai in den Räumlichkeiten jenes Vereins stattfinden, dessen Gründerin Marianne Hainisch war. Die bewegte Geschichte des Vereins seit seiner Gründung können Sie auf der Website des Bundes österreichischer Frauenvereine (BÖFV) nachlesen. Mit Marianne Hainischs Buch „Die Mutter“ schließt sich ein Kreis. Die Edition Libica veröffentlichte mit Rosa Mayreders „Fabeleien“ bereits einen ähnlich gelagerten Titel. Die „Fabeleien“ von Mayreder bildeten sogar den Auftakt der verlegerischen Tätigkeit von Simone Stefanie Klein. Aber auch im read!!ing room – wo auch die „Fabeleien“ präsentiert wurden –  werden immer wieder frauenspezifische Themen gesetzt. Sei es in Form unserer regelmäßig auftretenden kult.tour „Weibs.Bilder – den Margaretner Frauen“ gewidmet oder Lesungen von zeitgenössischen Autorinnen. Auch historische Texte von Frauen kommen zum Tragen: Im Juni werden Texte von Margarete von Navarra präsentiert, eine Hilde-Spiel-Lesung war sehr erfolgreich und auch die erste Universitätsprofessorin in Wien/Österreich Elise Richter kommt immer wieder zu Ehren.

Das Buch kann bei der Edition Libica oder beim read!!ing room direkt bestellt werden. Es kostet 17,90.

„Außerdem muss man sich als Pädagoge vor allem um die Opfer kümmern…“

Claudia Carus und Horst Dinges

Claudia Carus und Horst Dinges lasen „Fertig im Kopf“

„Jetzt ist schon wieder was passiert“. Der allzu bekannte Anfangssatz aus den „Brenner“-Romanen von Wolf Haas bildete in gewisser Weise das unausgesprochene Vorwort zu Horst Dinges‘ „Fertig im Kopf“. Das Unaussprechliche greift dann um sich, wenn „schlimme Dinge“ passieren. Im Falle von „Fertig um Kopf“ tötete ein Jugendlicher, namens Torben Bramstedt, eine alleinerziehende Mutter, die bei einer Schlägerei zwischen Jugendlichen, versuchte zu schlichten und dabei getötet/ermordert wurde. Eine Fiktion? Mitnichten. Horst Dinges collagierte und montierte aus unterschiedlichen Gerichtsfällen, die in Deutschland und Österreich abgehandelt worden waren, einen neuen Text, der in extrem dichter und verdichteter Form die allgemeine Ratlosigkeit nach einer Straftat eines Jugendlichen zum Thema hat. Eine Ratlosigkeit, die meist in Worhülsen à la „Wie konnte das nur passieren?“ und „Mein Paul macht so etwas nicht…“ oder „man hätte ja gerne etwas unternommen, aber“ ihre Materialisierung fand und findet.

Original-Aussagen zu einer Fiktion verdichtet

Zu Beginn des Stückes heißt es: „Den Fall Torben Bramstedt, den wir heute spielen werden, hat es so nie gegeben. Aber nichts von dem, was wir hier sagen werden, haben wir uns ausgedacht. Dem von uns erfundenen Fall liegen drei reale Straftaten und Original-Aussagen von Opfern, Tätern und ihrem Umfeld zugrunde.“

Claudia Carus und Horst Dinges lasen die Aussagen der verschiedenen Parteien in verteilten Rollen und ließen die sich immer wieder widersprechenden Einschätzungen, Werte, Haltungen und (Nicht)erklärungsversuche der Befragten aufeinander prallen. Wie bei einem Mosaik reihten sie Aussage an Aussage aneinander, bis sich ein Bild ergab. Der Protagonist und Täter Torben Bramstedt rückte als Hauptfigur dabei immer wieder in den Hintergrund. Denn alle kamen zu Wort: Die Mutter, der Onkel, der Stiefvater, die Nachbar/innen, die Lehrer/innen, die Schulfreunde/feinde und die Exekutive. Sie alle glaubten etwas sagen zu müssen; etwas „bei“-tragen zu müssen und überdeckten dabei das Wesentliche. Die altbekannte These, dass jeder kommunikative Akt auch eine Selbstauskunft ist und bisweilen mehr über die eigene Person verrät, als über jene, die es zu beschreiben gilt, wurde von den Aussagenden übererfüllt. „Fertig im Kopf“ war fast schon ein Dripping an Be- und Zuschreibungen, Ausflüchten, Entschuldigungen und Schuldzuweisungen, die zum Schluss kein eindeutiges Bild ergaben. Erst am Schluss wurde die eigentliche Tat, die im wahrsten Sinne des Wortes ein Ereignis in seiner negativen Form darstellt, in aller Sachlichkeit und Klarheit beschrieben. Somit verhinderte der Autor den peinlichen Moment einer Parteinahme, einer Wertung oder einer Schuldzuweisung.

Ein Galopp an Zeugenaussagen

Ebenso intelligent und gekonnt wie der Schluss war die Darbietung von Claudia Carus und Horst Dinges. Die einzelnen Aussagen wurden ohne störende Regieanweisungen und Erklärungen vorgetragen; jede einzeln passend in ihrem Ton. Alleine mit den Mitteln des Vortrags, der Intonation und mit sehr reduzierten Gesten wurden die unterschiedlichen Personen gezeichnet. Carus gab die verzweifelte Mutter, dann die vollkommen unfähige Lehrerin, dann wieder Torbens Angebetete Mona. Dinges wechselte zwischen der Renitenz des Beschuldigten Torben,  der besserwisserischen Natur des Nachbarns oder den Ausführungen eines ansatzweise kompetenten Lehrers. Der Höhepunkt war sicherlich das Stakkato an Facebook-Nachrichten in der Diktion und im Soziolekt von Teenagern der 2010er Jahre. Die Inszenierung dieses alles andere als leichten Textes war ein Galopp;  eine Tour de Force, die Carus und Dinges bravourös meisterten.

„Fertig im Kopf“ von Horst Dinges, vorgetragen von Horst Dinges und Claudia Carus, war die erste Schauspiel-Lesung in der Reihe „Die Vorleser/innen“.  Die Lesereihe wird in den nächsten Monaten nahtlos fortgesetzt. Schauspieler/innen und Sprecher/innen präsentieren dabei nicht alltägliche Texte.

Die Vortragenden

Claudia Carus ist gebürtige Berlinerin. Sie absolvierte nach einer einjährigen berufsvorbereitenden Musicalausbildung ihr Schauspielstudium an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und spielte währenddessen in Produktionen wie „Dogville“ und „Manderlay“ am Metropoltheater München und beim International Arts Festival in Shanghai. Von 2011 – 2015 war sie festes Ensemblemitglied am Salzburger Landestheater. Derzeit lebt Claudia Carus als freie Schauspielerin und Musikerin in Wien.

Horst Dinges studierte Theaterwissenschaft und Kulturmanagement. Er arbeitete als Dramaturg, Schauspieler und Coach an unterschiedlichen Standorten in Deutschland und Österreich.

Doppelte Weltpremiere in Margareten

Ava Ardens stellte zum ersten Mal ihre fantastischen Texte einem breiteren Publikum vor

Am 3. Mai konnte der read!!ing room gleich mit einer doppelten Weltpremiere aufwarten. Zum einen wurde das neue Leseformat „Impuls-Lesung“ vorgestellt, zum anderen präsentierte die junge Autorin Ava Ardens zum ersten Mal ihre eigenen Kurzgeschichten einem interessierten Publikum. Das Besondere an einer Impuls-Lesung, die bei ihrer ersten Ausgabe unter dem Titel „Der, Die, Das – Wesen der Menschen“  stattfand, ist schnell zusammen gefasst: Die Impuls-Lesungen dauern eine halbe Stunde. Die Texte werden ansatzlos und ohne formale Einführung – respektive ohne den/die Autor/in vorzustellen – gelesen. Erst nach der ca. 30-minütigen Lesung wird das Publikum  begrüßt und das Format vorgestellt. So entsteht für die anwesenden Zuhörer/innen die Möglichkeit die Texte „ohne Filter“ zu genießen – unmittelbar, pur und authentisch.

Ava Ardens präsentierte ingesamt drei Kurzgeschichten. Ihre Texte stehen in der Tradition der „fantastischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts“, in der zunächst alltägliche Erlebenisse sich immer mehr ins Absurde und Fantastische steigern. So erzählt die Geschichte „Zerkratzte Gesichter“ von einer Ich-Erzählerin, die  Kreaturen mit scharfen Klingen auf dem Rücken ihrer jeweiligen Mitmenschen sieht. Diese Kreaturen bekämpfen sich teilweise untereinander und ritzen ihren „Wirt/innen“ kleine Risse in die Haut. Die Ich-Erzählerin versucht diesen „Wesen“ aus dem Weg zu gehen und ein unauffälliges Leben zu leben. Dies geht sogar soweit, dass sie sich in Diskussionen teilweise verleugnet, aus lauter Angst vor den erwähnten Ungeheuern.

Allegorisch

Die Texte von Ava Ardens sind schnörkellos geschrieben. Sie hält eine gute Balance zwischen dem erzählten Stoff und dem Erzähltempo; die Monologe und die eingeflochtenen Dialoge sorgen für Lebendigkeit. So baut sie ihre Allegorien langsam und stetig auf. Der einfache parataktische Satzbau unterstützt das Hinführen zu einer meist unausweichlichen Situation. Die Autorin deutet hin und wieder mit dem moralischen Zeigefinger in die richtige Richtung. Einer der größten Vorzüge der Autorin:  Ava Ardens strebt nicht unbedingt ein Happy End an.

All jene, die Ava Ardens als Schauspieler/in erleben wollen, haben die Gelegenheit dazu in „Die See“ von Edward Bond. Die Produktion unter  Thomas Declaude findet ab dem 5. Juni im Spektakel in Wien-Margarten statt. Dort tritt die Schriftstellerin allerdings unter ihrem „richtigen“ Namen auf. Mehr sei nicht verraten. Schauen Sie es sich einfach an.

„Stößt man auf Vergangenes, verändern sich die Dinge…“

Peter Miniböck und Kurt Raubal bestritten eine memorable Lesung

Was lange währt, wird oft sehr gut. Peter Miniböck und Kurt Raubal planten eine erste gemeinsame Lesung bereits im Jänner 2016. Sie wollten ihren gemeinsamen ersten Auftritt einem der herausfordernsten Themen unserer Zeit widmen. Mit Blick auf die Vergangenheit und die Gegenwart näherten sich beide einem Themenkomplex, der so eng mit der Menschheit verbunden ist, dass man eigentlich keine Worte mehr darüber verlieren müsste. Mit den unterschiedlichen Mitteln der Literatur und der Reportatge umkreisten sie ein menschliches, allzu menschliches Thema:  die nackte Existenz, die oft genug durch den Menschen selbst bedroht wird und die daraus resultierende Notwendigkeit zur Flucht.

Dokumentarische Dichtung

Literarisch und textlich verdichteten sie mit dem Procedere der „dokumentarischen Dichtung“ unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen. Briefe aus und nach Wien in der unmittelbaren Nachkriegszeit lösten sich ab mit der Reportage einer Flucht über das Mittelmeer. Während Miniböck ausgewählte Passagen aus seinem Werk  „Iwan oder die Stadt heißt immer noch Wien“ las, wählte Raubal Reportagen zum Thema Flucht. Dadurch prallten nicht nur unterschiedliche Zeiträume und Schauplätze aufeinander, sondern auch divergente sprachliche Stile und Ausdrucksweisen.

Peter Miniböck und Kurt Raubal bauten so, vor dem sehr gut gefüllten read!!ing room, in einem literarischen Wechselspiel, eine Art Damm gegen die aktuellen Flut an Verlautbarungen, Meinungen und Aussendungen, die von Routen, Zäunen und Festungen sprechen. Das Mittel der Montage aktualisierte eine Vergangenheit, die unsere Eltern und Großeltern selbst betraf. Das Ergebnis zeigte, was im aktuellen Verlautbarungsapparat aus Schlagwörtern verloren geht: Die Dichotomie zwischen „Einheimischen“ und „Fremden“ ist und bleibt eine Chimäre.

read!!ing room – Pragreise 2016 – „Summa in da Stadt“

Prag

Der read!!ing room begeht 2016 die 5. Ausgabe des Literaturfestivals „Summa in da Stadt“ und packt dieses Jahr die Koffer. Wir begehen die 5. Ausgabe, des Festivals, das heuer unter dem Motto „Hülsenfrüchte und Knallschoten“ läuft standesgemäß mit einer Stadtbesichtigung von … Prag.

Vom 30. Juni bis zum 02. Juli 2016 reist der read!!ing room mit Freund/innen, Autor/innen und Gästen nach Prag und macht sich auf die Spuren von Egon Erwin Kisch, Rainer Maria Rilke oder Franz Werfel.

Zwei Tage voller Literatur und Kunst für 15 Menschen. Das Reiseangebot finden Sie hier: Pragreise Sommer 2016– Der Anmeldeschluss ist der 20. April. 2016.


Programm „Summa in da Stadt“ – „Hülsenfrüchte und Knallschoten“

Das Literatur-Festival findet heuer vom 30. Juni bis zum 1. September statt. In unterschiedlichsten Lesungen soll frische Literatur, aber vielleicht auch der eine oder andere Klassiker dem interessierten Publikum in der Kühle des read!!ing room vorgetragen werden. Bei uns macht die Literatur nur selten Pause. Autor/innen, Vortragende und Lesende, die sich beteiligen wollen, können direkt über unser Kontaktformular oder per Mail anfragen. Der Anmeldeschluss für die Lesungen, Vorträge und andere Beiträge im read!!ing room ist der 15. Mai. Wir freuen uns auf eine rege Teilnahme.


Texte für das E-Book der Ausgabe 2015: „Pack die Badesachen ein“.

Noch ein organisatorischer Hinweis an alle Autor/innen, die letztes Jahr, bei „Pack die Badesachen ein“ mitmachten. Auch heuer werden wir ein E-Book zusammenstellen, wie dies mittlerweile gute Sitte ist. Wir bitten daher alle Autor/innen, sofern sie mögen, die Texte an uns zu senden. Einsendeschluss ist der 30. April.