Die Vorleser/innen: Malerei trifft Literatur

Download: Die Einleitung: „Phantastische Literatur“. Ein Abend mit Gustav Meyrink, Alfred Kubin und Franz Sedlacek“ als PDF


Unsere Reihe „Die Vorleser/innen“ dient dazu Literatur aus längst vergangenen Tagen vorzustellen. Für diese besondere Ausgabe stellte der Mödlinger Schriftsteller Peter Miniböck – übrigens eine Premiere –  eigens eine wunderbare Auswahl an phantastischen Texten zusammen. Gustav Meyrinks „Dr. Haselmayers grüner Kakadu“, Alfred Kubins „Die andere Seite“ und Franz Sedlaceks „Die Stadt“ verschmolzen zu einer eigenständigen Lesung. Miniböck verwob ausgesuchte Textstellen aus allen drei Werken und kombinierte über Metaphern und inhaltliche Stränge die Texte. Die Hauptmetaphern – Vögel, Zugfahrt und Stadt  – sorgten für einen weitgehend homogenen Text. Für die Lesung konnten Tom Burger, Horst Dinges und Bettina Gmoser gewonnen werden.

Neben den rein innertextlichen Verbindungen gab es auch äußere, vor allem biografische Merkmale, die diese Vorgehensweise geradezu herausforderten. Gustav Meyrinks Text aus dem Jahre 1928 („Dr. Haselmayer…“)  geht direkt auf ein Bild von Franz Sedlacek zurück. Franz Sedlacek, Chemiker und Maler in Wien, der bereits zu Lebzeiten einige internationale Bedeutung erlangte, malte 1926 das Bild „Die Bibliothek“, das Gustav Meyrink direkt inspirierte. Sedlaceks Bilder wurden wiederum von Texten von Gustav Meyrink inspiriert. Alfred Kubin und Gustav Meyrink verband eine Freundschaft seit dem Jahr 1905. Meyrinks Arbeit an „Der Golem“ inspirierte Alfred Kubin zu „Die andere Seite“, die wiederum Einfluss auf „Der Golem“ hatte. Kubins Buch erschien 1909, während „Der Golem“ erst 1915 erschien. Und auch Kubin und Sedlacek kannten sich. Beide waren Mitglieder der Künstlervereinigung MAERZ und veröffentlichten im „Simplicissismus.“

Texte voller Herausforderungen

Vor allem die Lektüre von „Die Stadt“ stellte eine besondere Herausforderung dar. Sedlaceks Romanfragment, das erst aus dem Nachlass veröffentlicht wurde, folgt dem Prinzip „Bilder einer Ausstellung“. Die Geschichte ist fast ohne Höhepunkte und dient als Brücke zwischen den einzelnen Bildbeschreibungen – was den Vortrag umso herausfordernder machte. Auch Kubin Werk „Die Stadt“ war nicht ohne, da sehr viele Stimmungen des Ich-Erzählers aufeinander prallten. Während Meyrink eine sehr präzise Sprache nutzte und doch eine sehr phantastische Geschichte erzählte, ging es bei Kubin und Sedlacek weitaus „expressionistischer“ zu. Langer Rede kurzer Sinn: Die von Peter Miniböck zusammen gestellte Trilogie, war eine Herausforderung für die „Vorleser/innen“ und ein Gewinn für alle.

Rückblick: Phantastische Literatur

Eine phantastische Reise in die Literatur des 20. Jahrhunderts. Texte von Franz Sedlacek, Alfred Kubin und Gustav Meyrink gelesen von Horst Dinges, Bettina Gmoser und Tom Burger. Arrangement der Texte: Peter Miniböck

Posted by read!!ing room – Verein zur Förderung von Alltagskultur on Samstag, 10. Juni 2017

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beziehungsweise gelogen – drei junge Männer wagen es beziehungsreich: Eine Menüfolge

Die 3M: Martin Peichl, Maximilian Kaiser, Max Haberich

„Zum Feiern haben wir nichts.“ Der erste Satz von Martin Peichl war das perfekte Anti-Motto für einen Abend, an dem es sehr wohl sehr viel zu feiern gab. Drei junge Männer der Literaturgruppe „Jung Wien 2014“ waren angetreten, um das Thema Beziehung auf allen möglichen und unmöglichen Ebenen zu beleuchten. Peichls erotischer Zugang zu Literatur und Sprache wurde gleich einmal sehr konkret. Erigierte Metaphern prallten zwischen einem Ich und einem Du ineinander. Der zweite Text deutete bereits einen zweite Tendenz an. Es ging neben Beziehungen auch um Musik, um Pop(kultur) im besten Sinn. Ein  Reggae, also. „Roxanne“. Kam den meisten wohl bekannt vor und doch war sie irgendwie neu, diese Roxanne. Denn Roxanne war anders – irgendwie resolut. Sie vertrat die Meinung, dass man in Linz eingehe – no offense.

Maximilian Kaiser schloss mit „Automatische Begierde“ an. Wieder tauchte es auf … das Du, das unerreichbare Du. Kaiser übte sich im zeitgenössischen Minnesang – auch wenn die Angebetete so anders, so kalt und so metallisch war – eine neue „Christine“ vielleicht? Der Dritte im Bunde – Max Haberich – rundete die literarischen Vorspeisenorgie mit „Ein Freund“ ab. Haberich besuchte die Untiefen dessen, was man eine bürgerliche Ehe nennt und vermittelte sehr rasch, dass eine einseitige Liebe sehr brutal sein kann. Dieses Thema bearbeitete Haberich in einer klassisch gehaltenden Erzählung.

Wir deklinieren „schnackseln“

Martin Peichl servierte den zweiten Gang und führte seinen Dialog zwischen einem Ich und einem Du in das Metaphernfeld des Theaters und des Films – inklusive Deklination des wunderbaren Verbs „schnackseln“.  Und wenn Sie jetzt „Huch, darf der das?“ denken, kann ich Ihnen versichern: Es ist keine große Sache in literarischen Gefilden Verben, die Geschlechtsverkehr beschreiben, zu deklinieren. Schließlich hat Marcel Reich-Ranicki vor laufender Kamera das Wort „ficken“ auf unnachahmliche Weise gebeugt. Und seien wir ehrlich: Schnackseln ist allein aus klangmalerischer Sicht das feinere Verb.

Maximilian Kaiser sorgte für das lyrische Entremet der zweiten Speisefolge. Er trug Gedichte vor, die sich mit den Beziehungen zwischen „Menschen und Umwelt“ beschäftigten. Er bearbeitete das Thema mit stark expressionistischen Gedichten wie „Alte Tage… Man fühlte sich an einen phantastischen Expressionismus der Zwischenkriegszeit erinnert. Kaiser bewies, dass er verschiedene Register ziehen kann. Sein Entremet war zwar nicht ganz so bekömmlich – aber das war ein gut gesetzter Gegenpunkt zu den bis zu diesem Zeitpunkt kredenzten Speisen.

Max Haberich kam in seiner Prosa auf den Hund und servierte zum Abschluss dieses Ganges nicht nur eine leicht bekömmliche Prosa, sondern servierte den Hund seiner Geschichte einfach ab.

Der dritte Gang – heavy stuff und Dessert

Nach einer kurzen Pause ging es weiter. Max Haberich kredenzte ein schweres Gericht Marke „heavy stuff“. Das Thema: Eine Variation auf den Ärzte-Song „Manchmal, aber nur manchmal haben Frauen ein bisschen Haue gern“. Maximilian Kaiser schloss sich mit Gedichten aus seiner Sammlung „Herbstgedanken“ an – und servierte ein Kontrastprogramm. Ein „Ozean der Gefühle“ führte zum „Abschied“. Als kleines Soufflé bot er noch ein formvollendetes Sonett an. Martin Peichl beendete den dritten Gang und leitete seinen  Text mit „Man kann Wikipedia lesen oder dem nächsten Text zuhören“ ein. Sein Ausgangspunkt war die Expedition der „Endurance“ durch die Antarktis, die Entdeckung des Pluto und die Entwicklung des Post-Its. Peichl schlug den Bogen von großen Entdeckungen zum Alltag einer Mann-Frau-Beziehung. Grandios. Nachtisch und Tee wurden von Max Haberich auf einem literarischen Teewägelchen in den Salon gerollt. Obwohl schon eine spätere Stunde schlug, entführte der Arthur-Schnitzler-Spezialist das anwesende Publikum in die bisweilen bizarre Welt einer Upper-Class-5-Uhr-Tee-Gesellschaft an der Udo „Aber bitte mit Sahne“ Jürgens eine wahre Freude gehabt hätte. Mit den Ingredienzien Tratsch und Käsekuchen stellte Haberich sein satirisches Talent unter Beweis.
Maximilian Kaiser lud mit seinen Premierentext „Whisky und One Night Stand“ an die virtuelle Bar und zum Digestiv. Ein Date im studentischen Milieu mit Bier und Whisky artete mit zunehmendem Alkoholkonsum in eine Konfrontation mit dem eigenen Ich aus. Virtuos.

Martin Peichl schloss seine Lesung mit zwei Texten: „Fotos“ und „Donau.Kanal.Treiben“, eine Variante des Romeo und Julia-Sujets mit Radiohead und Soundgarden – Soundtrack. Er sorgte für den Nachschlag des Abends. Erdäpfelgulasch kann ja so geil sein.

Poetenautomat, Intertextualität, Copy&Paste: Die „Lange Nacht der Philosophie“ im read!!ing room

Klein und Neubauer

Ausgangspunkt des Vortrages von Simone Klein und Karl Neubauer war der Poesieautomat von Hans Magnus Enzensberger. Der Poesieautomat steht im Literaturmuseum in Marbach und erzeugt auf Knopfdruck ein Gedicht: Aus einem Wortschatz von gerade einmal 400 Wörtern seien 10 hoch 36 unterschiedliche Gedichte möglich.  Der 1974 von Enzensberger verfasste Essay zum Thema war der ideale Ausgangspunkt für den diesjährigen Beitrag des gemischten Doppels Klein und Neubauer im Rahmen der „Lange Nacht der Philosophie“, die jährlich in Wien stattfindet und von der „Gesellschaft für angewandte Philosophie“ veranstaltet wird.

Wozu dient ein solcher Automat?  Welche Ambitionen kann ein Dichter oder eine Dichterin haben, sich quasi selbst abzuschaffen? Enzensberger sah sein Experiment als Spiel – ohne jeweils daran zu denken, das Ding wirklich zu bauen. 2000 wurde der Automat dann schlussendlich gebaut. Aus einem Gedankenexperiment wurde Realität.

Automatisierung und Sprache

Über Enzensberger hinaus gedacht, ist die Frage nach der allgemeinen Automatisierung eine der brennendsten Fragen unserer Zeit. Die Entwicklung immer neuer Technologien, die uns das Leben vereinfachen sollen und uns gleichzeitig weiter in die Abhängigkeit treiben, ist evident. Die Dialektik aus Bequemlichkeit und Abhängigkeit ist allgegenwärtig.

Klein und Neubauer  zeigten  anhand des allseits beliebten Smartphones, dass sich die Technik nicht immer an die Wünsche und Unzulänglichkeiten des Menschen anpasst. Gerade die Eingabe per Stylus-Stift oder per „Daumenkino“ über eine virtuelle Tastatur ist angesichts der Errgungenschaften der Schreibtechnik (Schreibmaschine, ausgefeilte EDV-Programme) eigentlich ein Rückschritt. Die technischen „Errungenschaften“ des Smartphones führen dazu, dass die Sprache an die Technik angepasst wird und nicht die Technik an die Sprache: Emojis und Kurzzeichensprache seien ein beredter Ausdruck dafür, dass Menschen bereit sind, sich an die Technik anzupassen oder sich ihr zu unterwerfen. Die automatische Textkorrektur sei ein weiteres Beispiel, wie sich der Sprachgestus und die Sprachproduktion durch die Technik veränderten.

„Bau dir deinen eigenen Poetenautomaten…“

Da das spielerische und dialogische Prinzip wichtige Ingredenzien der Ausführungen von Klein und Neubauer sind, erarbeiteten die beiden ihren ganz eigenen Poetenautomaten. Auf Basis der Programmiersprache Python und des „Natural Language Toolkits“ ist es möglich einen digitalen Textkorpus auf Konkordanzen zu untersuchen. Konkordanzen sind alphabetisch geordnete Listen von wichtigen Schlüsselbegriffen, Wörtern und Phrasen, die in einem schriftlichen Werk verwendet werden. Wenn man also  auf Basis des Reimschemas eines Sonettes das Werk von Shakespeare oder Nietzsche nach Konkordanzen absucht, lassen sich neue Sonette oder Texte bauen. Auch lassen sich Rosa Mayreder und Friedrich Nietzsche aufgrund ihrer bereits publizierten Texte in einen Dialog bringen.

Klein und Neubauer bauten also ihre Version eines Poetenautomaten und remixten Texte. Aber wozu dies alles? Wenn alle alles remixen, kombinieren und neu zusammenstellen können – wenn also die Intertextualität als Prinzip von Neuschaffungen dient – ist das Ergebnis dann noch Kunst, sprich ein Akt einer singularen Schaffung, die bestenfalls zu einem mehrdeutigen Ergebnis führt? Oder wird das Kunstwerk vom Schaffensprozess komplett losgelöst? Klein und Neubauer stellten also explizit die Frage nach Originalität versus Originellität ebenso wie die Frage nach der Autor/innenschaft im Zeitalter von Copy & Paste. Ferner befragten die beiden das Kunstwerk im Zeitalter der seriellen „PRO“duktion und stellten die Theorie des „Selbstmords des Autors“ durch die Anwendung von literarischen Techniken, die Texte ohne jeglichen Sinn produzieren (siehe DADA, Collagen von Herta Müller) in den Raum.

Eine Tour d’horizon: Dekonstruktivismus und konkrete Poesie

Die Tour d’horizon des philosophischen Abends streifte die Dekonstruktivisten, die „Konkrete Poesie“ und insbesondere Ernst Jandls Gedicht „Ein Gleiches“, das ein extremer Fall von Intertextualität ist. Böse Zungen würden von Copy and Paste bei Goethe sprechen. Dann streiften Klein und Neubauer das Thema der Reduktion und galoppierten schnurstracks zur wichtigsten Frage der Philosophie: „Was macht den Menschen aus?“ Eine mögliche Antwort wurde im Schlusssatz angerissen…

„In diesem Sinne hoffen wir, dass sich doch immer wieder Einige finden werden, die nicht müde werden, denkend zu dichten und dichtend zu denken und dass die Menschheit wieder zur wahrhaften Poesie und poetischen Sprache zurückfinden möge, die der Philosoph und Schriftsteller Johann Georg Hamann (…) vor 250 Jahren so trefflich als „die Muttersprache des menschlichen Geschlechts” bezeichnet hat.“

Buchpräsentation: Das Bukranion – eine Niederschrift

„Was lange währt, wird endlich gut!“ Dieser etwas abgelutschte Spruch war  das inoffzielle Motto des Abends.  Das neue Buch von Peter Miniböck trägt den Titel „Das Bukranion“ und erschien im Herbst 2016. Daher freute sich der read!!ing room umso mehr, die Möglichkeit zu haben, das schmucke Werk aus dem Hause „edition libica“ zu präsentieren. Dem festlichen Anlass entsprechend, wurde „Das Bukranion“ vom Autor selbst und der Verlegerin des Buches, Simone Stefanie Klein, präsentiert.

„Was lange währt, wird endlich gut“, gilt insbesondere für das titelgebende Motiv „Das Bukranion“. Das Sujet oder Motiv, das Miniböck für sein neuestes Werk aufgriff, existierte bereits im alten Mesopotamien. Die Abbildung eines Rinderschädels oder Ochsenkopfes mit langen Hörnern wanderte dann ins alte Griechenland und wurde – wie so vieles andere – vom römischen Imperium übernommen. Mit dem Ende Roms verschwand das Bukranion, das sehr oft als Malerei und/oder Fresko in Form einer Girlande von unterschiedlichen Rinderschädeln aufschien. Mit der Renaissance kam der dekorative Ochsenkopf wieder en vogue. Peter Miniböck beschied dem Motiv eine weitere Renaissance.

Eine Reise

„Das Bukranion“ ist in Peter Miniböcks Werk nicht nur eine Metapher, die unterschiedlich befüllt wird, sondern auch der Ausgangspunkt für eine Reise. Durch den Aufbau des Buches in zwei Stränge (Protokolle und Niederschriften) ist man schnell verleitet, das Werk als eine Art kunstvoll gestaltete, archäologische Schnitzeljagd zu etikettieren.

Leser/innen, die sich mit dieser Sichtweise zufrieden geben, werden „Das Bukranion. Eine Niederschrift“ enttäuscht sein. Die Verlegerin des Buches spricht auf der Verlagswebsite von „einer poetischen Gemäldegalerie“, gleichsam von den „Bildern einer Ausstellung“. Ich würde eher von einer Ausstellung von Bildern in Bezug auf „Das Bukranion“ sprechen. Die Beziehungen zur Musik (betreffend Komposition und Aufbau) sind bei Miniböck – nicht nur in „Das Bukranion“ allgegenwärtig … und so ist der Bezug zu Mussorgsky durchaus stimmig.

Um beim Bild zu bleiben: Peter Miniböck eröffnete seinen Vortrag mit einem Zitat aus Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und führte gemeinsam mit Simone Klein durch eine Ausstellung seiner Lieblingsbilder mit den Mitteln der Sprache. Der Autor exponiert seine Lieblingssujets – so wie auch in anderen Büchern: Die Stadt, die Katakomben, die Tänzerin etc. Doch Vorsicht: Die Bilder, die der Autor entwirft, sind keine lieblichen Idyllen voll Sonnenschein und Frühlingszauber, sondern die Eingeweide einer nicht näher definierten Stadt. Fantastisches vermischt sich mit Dokumentarischem, Kafkaeskes mit Musilschem. Die Elemente wechseln sich ab und werden palimpsestartig über einen neuen postmodernen Leisten gezogen.

Leser/innen, die sich das Buch aneignen wollen, sei geraten die Lektüre wie einen Spaziergang durch eine Ausstellung zu verstehen: „Das Bukranion“, das im Übrigen hervorragend von Simone Klein ausgestattet wurde, will betrachtet werden (nicht nur von außen) und es will erobert werden. Ganz wie in einer Ausstellung bewegt man sich mal schneller, mal langsamer durch die Räume bis man ergriffen vor einem Bild stehen bleibt…

Buchpräsentation: "Das Bukranion. Eine Niederschrift"

Buchpräsentation: "Das Bukranion. Eine Niederschrift" erschienen in der "edition libica" 2016. Ein wunderschönes Buch in Gestaltung und Inhalt.

Posted by read!!ing room – Verein zur Förderung von Alltagskultur on Samstag, 20. Mai 2017

„Das Bukranion“

edition libica, Wien
ISBN 978-3-903137-04-2
92 Seiten | 14 × 21 cm
Hardcover | Fadenbindung
€ 18,70

Feuerabend – oder die wundersame Welt der Juristerei

Markus Grundtner stellte seine Texte in der Impulslesung IV vor

Es kommt auch nicht alle Tage vor, dass ein Mensch zunächst Theaterwissenschaft mit Erfolg studiert, um sich dann der Juristerei zuzuwenden. Im Falle von Markus Grundtner ist es nun einmal so, wobei das Wort Fall für den Arbeitsrechtler eine eigene Bedeutung haben muss. Der 1985 in Wien geborene Autor und Rechtsanwaltanwärter bewies jedoch bei seiner Impulslesung beeindruckend, dass sich Literatur und Juristerei spielend miteinander verbinden lassen.

Markus Grundtner, ebenfalls Mitglied bei jungwien2014, lud ein, den Arbeitstag auf skurrile Weise ausklingen zu lassen: Mit seiner „Ansage an die Absage“ trieb er die Realsatire von offiziellen Briefwechseln (Bewerbung, Immobilienmakler etc.) sehr weit und zeigte, dass viele Menschen bei Absagen in den Modus des vorauseilenden Gehorsams verfallen und allzu schnell kapitulieren. In der gleichen Tonart ging es weiter. Grundtner beschrieb unterbeschäftigte Mitarbeiter/innen einer Anwaltskanzlei, die mit allen Mitteln ihr Recht auf Arbeit erkämpften und konzipierte vor den Augen und Ohren des Publikums einen Fall um ein rosa Haarband, der zu einer Lawine an Prozessen bis in die obersten Instanzen führte. Er gab vor allem einen kleinen Einblick in eine Welt, in der die zwischenmenschliche Kommunikation aufgehört und durch das Verhandeln vor Gericht ersetzt wurde.

Markus Grundtner präsentierte Texte, die in leicht abgeänderter Form auch als Kabarett auf einer Bühne funktionieren würden. Sie erinnerten ein wenig an die „Business Class“-Satiren von Martin Suter. Vielleicht ist dieser Vergleich mehr Bürde als Kompliment. In jedem Falle soll er ein Anreiz sein.

Impulslesung IV: Markus Grundtner

Ausschnitte aus "Feuerabend". Eine Impulslesung von Markus Grundtner am 16. Mai 2017 im read!!Ing room

Posted by read!!ing room – Verein zur Förderung von Alltagskultur on Mittwoch, 17. Mai 2017

Dienstagsschreiber/innen Preislesen

Posted by read!!ing room – Verein zur Förderung von Alltagskultur on Sonntag, 14. Mai 2017

Für alle Dienstagsschreiber/innen und jene, die es noch werden wollen. Der read!!ing room organisiert am 04. Juli. (Start 18:30 Uhr) das große …

„Dienstagsschreiber/innen-Preislesen“

Die Teilnahme-Voraussetzungen:
mindestens ein Besuch an einem regulären Abend der Dienstagsschreiber/innen – vorzugsweise ist der zu lesende Text in Auszügen bei den Dienstagsschreiber/innen entstanden.

Spielregeln:

  • 5 Euro UKB pro Teilnehmer/in (Der UKB wandert in den Topf.) Jede/r Teilnehmer/in darf einen Text lesen.
  • Die Lesereihung erfolgt nach der jeweiligen Anmeldung.
  • Die Lesedauer wird 5 Minuten nicht überschreiten – kürzer darf er natürlich sein (die Moderation wird diesbezüglich unerbittlich sein!!).

Bewertet wird durch das Publikum und die anderen Autor/innen. Drei Texte werden bewertet (die eigenen ausgeschlossen). Wir prämieren die drei ersten Plätze. Der „Topf“ wird vom read!!ing room „aufgerundet“. Ausschüttung 50 Prozent (Platz1), 30 Prozent (Platz 2), 20 Prozent (Platz 3). Wir freuen uns bereits jetzt auf Anmeldungen.

Grenzenlose Sprachen

  1. Ruth Schenk kam mit einer Idee in den read!!ing room. Sie wollte einen  ihrer englischen Texte in unserem kleinen Souterrain vorstellen. Gesagt getan: Aus der Idee einen einzelnen englischen Text zu lesen, wurde schnell ein ganzer Abend im Zeichen der Sprachen und der Internationalität.

Die Übersetzerin hatte eine wunderbare Satire zum Thema „Süchte“ vorbereitet. Die Ich-Erzählerin drehte den klassischen Lebensberater/innen-Spieß um, indem Sie versuchte, die für sie passende Sucht zu finden. In einer äußerst polierten Sprache präsentierte Ruth Schenk einen Text, der die Abgründe des menschlichen Seins beleuchtete – Rauchen, Alkohol und Sex in den unterschiedlichsten Schattierungen wurden beleuchtet. Schenk schrieb eine Satire auf den Selbstoptimierungs,- Beratungs- und Wellnesswahn, der um sich greift: Poliert, geschliffen und trotz aller Explizität niemals vulgär. Es war der krönende Abschluss eines spannenden Abends

Kroatisch, Luxemburgsisch und Englisch – eine bunte Mischung

Ninoslav Marinkovic eröffnete den Abend mit Essays in Kroatisch und Deutsch. Der aus Osijek stammende Autor und Lehrer schreibt mehrheitlich Deutsch und hatte einige seiner Texte in seine Muttersprache übersetzt. Er streifte die Themen Meinungsfreiheit, Wiederholung der Geschichte oder den Tod von Vorbildern in einer sehr poetischen Sprache. Vor allem sein Text zur Meinungsfreiheit war ein wunderbarer Kommentar zur aktuellen Lage. Marinkovic stellte die wichtige Frage, ob wir als Demokrat/innen bereit sind, das Recht auf Meinungsfreiheit zu verteidigen, auch wenn wir die grundlegende Meinung des anderen nicht teilen. Oder mit einem Beispiel formuliert: Lasse ich sexistische oder rassistische Äußerungen zu, weil mir das Recht auf freie Meinungsäußerung wichtiger ist, als eine offensichtlich gegen meine Werte und gegen den guten Anstand erhobene Meinung? Ein Dilemma, das nicht so schnell gelöst werden kann…

Neil Y. Tresher bildetet mit seinem Tagebuch eines Stalkingfalles ein Art Zwischenstück zwischen den beiden Texten. Weitaus weniger politisch und gesellschaftskritisch beschrieb er in einem kurzen Text mit dem Titel „Et get lo duer“ (Es reicht jetzt…), dass Liebe sehr schnell zu Hass werden kann. Alle drei Autor/innen wurden dem Untertitel der Lesung: „O-Ton: Sind die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt?“ eindeutig gerecht, da – egal in welcher Sprache die Texte dargeboten wurden – alle Menschliches, allzu Menschliches präsentierten.

O-Ton: Sind die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt?

O-Ton: Sind die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt? Lesung im read!!ing room. Mit Ninoslav Marinkovic, Ruth Schenk und Neil Y. Tresher… Hier einige Auszüge aus der Lesung!

Posted by read!!ing room – Verein zur Förderung von Alltagskultur on Samstag, 13. Mai 2017

Woyzeck: aktuell wie nie!

Horst Dinges aktualisierte Büchners Woyzeck und präsentierte eine Lesung mit Workshop-Charakter

Besucher/innen der Lesungen von Horst Dinges wussten, dass der Künstler nicht einfach nur einen „Woyeck herunterlesen würde“. Dinges konzentrierte sich vielmehr auf das historische Vorbild und bearbeitete die Quellen sowie den Büchnerschen Woyzeck derart, dass eine eigene Version entstand.

Vorbild für Büchner und Dinges war der am 3. Januar 1780 in Leipzig geborene Johann Christian Woyzeck, der 1821 die 46-jährige Witwe Johanna Christiane Woost erstach. Der Medizinprofessor Johann Christian August Clarus wurde als Experte bestellt. Er fertigte  zwei Gutachten über die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten an, was für die damalige Zeit sicherlich keine Selbstverständlichkeit war. Johann Christian Woyzeck wurde nicht zuletzt auf Basis der Gutachten von Clarus verurteilt und am 27. August 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig öffentlich hingerichtet. Das Interessante: Nicht nur Büchner inspirierte dieser Fall. Die Rezeption von Büchners Woyzeck führte dazu, dass der historische Woyzeck und der Prozess, samt Urteil und Gutachten, auch die Wissenschaft in editorischen, psychiatrischen und juristischen Fragestellungen auf den Plan rief.

In der Woyzeck-Bearbeitung von Dinges bildet das Gutachten von Clarus den Rahmen für Woyzecks Monologe. Recht schnell stellte sich heraus, dass die Eindeutigkeit von Clarus Gutachten zu hinterfragen sei und der Sachverhalt durchaus kompliziert ist. Dinges griff auf die Forschung zu Woyzeck zurück und präsentierte die Figur als schizophrenen Alkoholiker, als brutalen Menschen, der sich mit der Obrigkeit anlegte und als geprügelten Hund. In einer fulminanten Dichte prasselten die Themen auf das Publikum ein. Stilistisch spiegelte die Sprache des Deliquenten die zahlreichen Schläge die Woyzeck im übertragenen Sinn einstecken musste.

Nach etwa zwanzig Minuten unterbrach Horst Dinges seine Lesung und schuf Raum für eine Verschnaufpause. Eine rege Diskussion entwickelte sich sehr schnell und streifte die Themen Klaus Kinski, Werner Herzog, Opfer, Täter, Inszenierung, Schuld. Die Lesung verwandelte sich in eine Art Workshop zum Thema Büchner. Der zweite Teil der Lesung entfernte sich dann ein wenig von den Quellen um Carus und den Originaljustizfall und folgte der Büchnerversion. Dinges schloss mit dem Gutachten von Clarus und einem erklärenden Statement.

Unsere Reihe „Die Vorleser/innen“ bot einen spannenden Abend, der dem Publikum vielabverlangte und bewies, dass Georg Büchner auch noch nach knapp 200 Jahren viel zu erzählen hat.

Woyzeck in der Bearbeitung von Horst Dinges

Woyzeck in der Bearbeitung von Horst Dinges. Starker Toback! Hochaktuell.

Posted by read!!ing room – Verein zur Förderung von Alltagskultur on Samstag, 22. April 2017

„Der kleine Vortrag: Demagog/innen und Populist/innen entzaubern“ am Beispiel HC Strache

„Ich muss mich gleich bei Ihnen entschuldigen und hoffe, dass Sie mich nicht mit Tomaten oder faulen Eiern bewerfen … aber eine Rede von HC Strache bei der deutschen AfD ist mehr als perfektes Anschauungsmaterial…“ So eröffnete Thierry Elsen, im Erwerbsleben als Trainer, Coach und Consultant tätig, seinen „kleinen“ Vortrag zum Thema Demogogie und Populismus.

HC Strache hielt als Vorsitzender der österreichischen FPÖ im Februar 2016 eine Rede in Düsseldorf vor der AfD. Bereits die ersten Minuten seines Vortrags zeigten mehrere Techniken, die Demagog/innen gerne einsetzen und die teilweise bereits in der eristischen Dialektik bei Arthur Schopenhauer zu finden sind.

Begriffsklärung

Bevor einige Stilmittel der Strache-Rede analysiert wurden – dem Publikum wurden lediglich die ersten 5 Minuten des Vortrages zugemutet –  war es dem Vortragenden wichtig, die Begriffe Populismus und Demagogie genauer zu beschreiben. Vor allem der Begriff Populismus sei ja derzeit ungemein populär und auf dem besten Weg ein „Plastikwort“ zu werden, so Elsen in seinen Ausführungen. Doch darin läge schon die erste Gefahr: Begriffe, die sich abnützen, verlieren an Wert und an Schärfe. Für den Vortragenden ist Populismus eine bewusste politische Strategie, sich in sehr vereinfachter Form und mit einer bewussten Simplifizierung politischer Zusammenhänge an Wähler/innen zu wenden. Populist/innen hätten kein eigenes Programm, sie erarbeiteten Ihre Themen immer im Spannungsfeld von „Wir hier unten“ und „Ihr da oben…“.

Der Begriff der Demagogie käme deutlich seltener vor, ziele er doch eher auf rhetorischen Techniken ab, die einzig und alleine dazu dienten politisches Kleingeld zu machen. Die Übersetzung „Volksverführer“ für Demagogen träfe da sehr gut und wäre – wenn auch etwas vereinfachend – ein gutes und weitgehend selbsterklärendes Synonym.

Captatio benevolentiae à la Strache

Straches Rede arbeitete bereits in der Einleitungsphase mit diversen demagogischen Techniken. Dies sei unbestritten. Strache, als geübter Redner, wisse, dass die captatio benevolentiae, also das Erheischen des Publikumswohlwollens , eine wichtige Rolle in seinen Vorträgen spiele. Und so wie heutzutage die meisten Speaker/innen mit einem Witz oder einer Anekdote beginnen, so mischt Strache zwei Elemente. Nach Walter Ötsch, der mit „Haider light“ ein Standardwerk zum Thema Demagogie schrieb, ist es für Demagog/innen sehr wichtig die Welt in „Wir sind die Guten“ und „die anderen sind die Bösen“ aufzuteilen. Strache tut dies indem er „den linken Gegendemonstranten ein herzliches Freundschaft“ zuruft und die Demonstrant/innen als „Orden“ (sic!! er sagt „Orden“ und nicht „Auszeichnung“) für die AfD bezeichnet.  Weiters nutzt er bewusst einen Begriff, der ein charakteristisches Merkmal für eine andere Gruppe ist (in diesem Fall „Freundschaft“ -> Sozialdemokratie / Linke), wertet den Begriff um und setzt ihn als rhetorische Waffe ein. Später steigert er diese Technik, indem er Alexander Solschenyzin und das Archipel Gulag zitiert (argumentum ad verecundiam) und die Gegendemonstant/innen als die „wahren Faschisten“ abqualifiziert. Das Vereinnahmen von Zeichen, Symbolen und Werten von anderen Gruppen ist eine beliebte Technik von Rechtspopulist/innen und Demagog/innen.

Drittens spricht er von „linksextremistischen Chaoten, ja auch Gewalttätern,“ die angeblich Frau Petry nachreisen würden. Dabei ist vollkommen egal, ob die Demonstationen friedlich verlaufen. Es geht einzig und allein darum, den Topos von „wir und die anderen“ zu verstärken. „Wir sind die Opfer und die anderen sind die Täter“ -> Subtext: Opfer müssen sich wehren.

Schmied und Schmiedl

Ein letzter Aspekt ist ungewöhnlich. Strache versucht bei einer Rede in Deutschland vor deutschem Publikum nicht einmal seinen gekünstelten österreichischen Dialekt abzulegen. Er betont ihn sogar, indem er zu Beginn jedes „eu“ als „ei“ ausspricht –  und die Vorsitzende der AfD als „Frau Doktor“ anspricht, was in Deutschland unüblich ist. Strache schmiert der AfD und Petry zwar bewusst Honig ums Maul, aber der konsequente Einsatz von Austriazismen kann durchaus als Indiz dafür gelten, dass Strache deutlich machen wollte, wer der Schmied und wer der Schmiedl im rechtspopulistischen deutschsprachigen Raum sei.

Im Anschluss an den Vortrag verwies Elsen noch auf einige spannende Bücher, die zur Lektüre und zur Reflexion anregen sollten (Ötsch: Haider light, Hofer: Tricks der Politiker etc.).