Wohnzimmerkonzert 2: Jazzig, smooth und elegant

Natascha Rojatz und Andi Sagmeister sind – laut eigenen Aussagen – erst ein einziges Mal zusammen aufgetreten. Bei einer Betriebsfeier. Kaum zu glauben eigentlich. Davon war jedoch beim zweiten Wohnzimmerkonzert des „Summa in da Stadt 2017“-Festivals  nicht zu merken.

Wunderbar smooth und elegant glitten Natascha Rojatz (Klarinette und Saxophon) und Andi Sagmeister (Guitarre) durch die Klassiker des Jazz, nicht ohne auch eine Eigenkomposition von Andi Sagmeister zu präsentieren.

Coole Jazzklänge hallten durch den read!!ing room und die Anzengrubergasse und verbreiteten eine angenehme Stimmung mit viel Feeling.

Tierisches, allzu Tierisches: Richard Weihs liest (und spielt).

Wir beginnen gleich mit einer Entschuldigung. An und für sich ist das ja das Ressort von Herbert W., aber diesmal fühlen wir uns gedrängt mit einem aufrichtigen „Mea Culpa, Mea Maxima Culpa“ die Review von „Richard Weihs liest“ zu beginnen. Und genau dort liegt der Hund begraben.  Aufmerksame Leser*innen unseres Programms beanstandeten  zurecht: „Da steht ja, dass der Weihs liest … wieso zeigt’s denn ein Bild mit einer Quetschen…“.

Richard Weihs beantwortete diese Reklamation mit Bravour und brachte kurzerhand die „Quetschen“ einfach mit. Und der begrabene Hund spielte in gewisser Weise auch eine literarische Rolle, denn die meisten Texte, die der Meister aus Mariahilf las und sang und spielte, handelten von jenen lieben Viecherln, die uns mehr oder weniger ans Herz gewachsen sind.

Hunde, Katzen, Leguane, Fledermäuse und andere Haustiere

Nun denn… vom begrabenen Hund ist es sprichwörtlich nicht so weit bis zur „Krot“ (hochdeutsch: die Kröte), die dann hin und wieder auch gefressen wird  – oder werden muss. Richard Weihs erläuterte den Ursprung der Redewendung „die Krot fressen“ mit einer ganz eigenen Geschichte. Volksetymologie ist doch meistens etwas Wunderbares. Der gelungene Ausflug wurde nahtlos fortgesetzt. Ausflüge ins Wienerische – und zwar ins tiefste und dreckige Wien mit entsprechendem Lokalkolorit in der Stimme – wechselten sich mit Satirischem ab. Richard Weihs bewies dabei auch seine parodistischen Qualitäten, indem er einen Text im André-Heller-Ton vortrug.  Er wechselte nahtlos vom nasalen Ton Hellers ins Nuscheln eines Hans Moser. Selbstredend wurde aus der „Blattlaus“ eine „Filzlaus“. Weiter ging es im breiten Wiener Dialekt. Danach kredenzte er im reinsten Hochdeutsch die erotische Ausstrahlung von Küchengeräten (siehe Video). Richard Weihs las etliche Texte aus „Kleine Freiheiten“, das bereits 2010 im arovell-Verlag erschienen war und besprach alles was vier bis sechs Beine oder Flügel hatte. Es war ein schöner Reigen an Katzen, Hunden, Leguanen und Fledermäusen, den Richard Weihs mit Quetsche, Maultrommel oder Fußgestampfe aufführte. Man kam sich ein wenig vor wie in einem Schönbrunner Kuriositätenkabinett mit Streichelzooeffekt.

EM-Euphorie auch im read!!ing room

Richard Weihs war so freundlich seine Lesung mit dem parallel laufenden Spiel der österreichischen Fußballnationalfrauschaft abzustimmen. Das Elfmeterschießen gegen Dänemark wurde dann bei einem kalten Getränk via Handys und Tablets in der Pause verfolgt. Das Ausscheiden der Frauen sorgte nur für einen kurzen Dämpfer, da Richard Weihs es meisterhaft verstand das Publikum mit seinen Gedichten, Texten und Liedern zurück ins Boot zu holen.

Richard Weihs liest

Ein kurzer Take-Out aus Richard Weihs Lesung. Für alle Küchengerätefetischist*innen und alle jene, die eine "Schweinerei" mögen.

Posted by read!!ing room – Verein zur Förderung von Alltagskultur on Samstag, 5. August 2017

Ich bin ein Satzdieb … Impulslesung V

Stellen Sie sich ein Leben vor in der weibliche Roboter, die auf den wunderbaren Namen TESSA hören, in Dienstmädchenoutfits echte Frauen ersetzen. Ein feuchter Altherrentraum aus der Schmuddelkammer? Abstoßend? Undenkbar? Nun: Für die Autorin Edie Calie sind solche dystopischen Spielereien der Stoff aus dem ihre Kurzgeschichten sind.

Bei der mittlerweile 5. Impulslesung präsentierte Edie Calie, Autorin von unterschiedlichen Büchern, Kurzgeschichten. Die Kurzgeschichten handelten über das Schreiben, über die Liebe und andere gr0ße Themen. Für viele Texte wählte Sie als Rahmen eine Dystopie. Der Aufbau der Geschichte erfolgte oft in Schleifen, was dramaturgisch teilweise zu einer ungeheuren Spannung führte. Dabei präsentierte sich Edie Calie als sehr genaue Beobachterin der Generation Y bis Z. Die Vice-Autorin hat ein gutes Auge und ein noch besseres Gehör – sie schafft es – sehr oft mit dem Mittel des Dialogs in wenigen Zeilen einen Charakter zu umreißen: egal ob es sich um die überfreundliche HR-Dame Beate (der Name ist Programm) mit ihren sinnlosen Personalfragebögen oder um den jungen Benjamin handelt, der den Haushalt schmeißt und seiner Liebsten einen veganen Quinoa-Curry-Auflauf kocht. Für das Rezept bitten wir geneigte Leser*innen sich vertrauensvoll an Frau Calie zu wenden. Ob Frau Calie, ähnlich wie einer ihrer Figuren, die Technik des Satzdiebstahles – sprich das Verarbeiten von aufgeschnappten Sätzen im eigenen Werk – betreibt, soll und kann an dieser Stelle nicht geklärt werden.

Alleine die Art und Weise, wie Edie Calie die Beziehung eines Paares – vom ersten Verliebsein- bis zur Trennung – beschreibt ist beeindruckend. Mit einem simplen Kniff stellt sie die Beziehung, die weitgehend aus der weiblichen Sicht erzählt wird, in einen politischen Kontext. Der Satz „Und die Rechten haben die Wahl gewonnen“, dient nicht nur als harter Schnitt zwischen den einzelnen Sequenzen und „Entwicklungsschritten“ in der Beziehung, sondern stellt einen Rahmen her, der eine vermeintlich private Zweierbeziehung in einen politischen und gesellschaftlichen Kontext stellt… Nach einer halben Stunde Lesezeit hatte Edie Calie bewiesen, dass sie alles andere als eine plumpe Satzdiebin ist und dies wohl auch in Zukunft eher ihren Figuren überlässt.

„Sommer“ unplugged…

"Sommer" von Louisa Specht Band

Take Out aus "Wohnzimmerkonzert" – "Louisa Spech Band" mit Louisa Specht und Lukas Plankenbichler.

Posted by read!!ing room – Verein zur Förderung von Alltagskultur on Sonntag, 23. Juli 2017

Bereits zum dritten Mal konnten Louisa Specht und Lukas Plankenbichler für ein „Wohnzimmerkonzert“ im read!!ing room gewonnen werden. Eigene Kompositionen von Louisa Specht wechselten mit Coverversionen ab. Die eigenen Songs sind vorwiegend in Deutsch. „Schwarz-weiß“ und „Sommer“ sind nur zwei Titel, die aus der Feder der Musikstudentin stammen. Die Begeisterung des Publikums war so enorm, dass die beiden Musiker*innen für die Zugaben tief in die Repertoirekiste greifen mussten.

„Summa in da Stadt“. El Awadalla liest…

Da kennt man sich schon Jahrzehnte und irgendwie ergab sich noch nie die Gelegenheit einer gemeinsam veranstalteten Lesung. Diese Tatsache wurde nun am 13. Juli definitiv korrigiert. El Awadalla las im read!!ing room einen Querschnitt aus ihren aktuellen Büchern und Texten.

El Awadalla mit dem Pickerl „Dialektdichterin“ zu versehen, ist sicherlich zu kurz gegriffen. Aber auch wenn sie in der Hochsprache liest, wird sofort deutlich, dass sie eine Autorin ist, die den Menschen sehr genau zuhört. Aus diesem aktiven und bewussten Zuhören – böse Stimmen würden von Belauschen sprechen – entstanden gleich zwei Bücher:

El Awadalla reiht sich mit diesen Büchern in einer Tradition ein, die in Wien weiland von Max Winter begründet wurde. Der Journalist und Vizebürgermeister der Stadt Wien war bekannt für seine Reportagen, bei denen „die offene oder verdeckte teilnehmende Beobachtung“ im Vordergrund seiner Recherche stand. Diese Art des Beobachtens zeichnet auch El Awadalla aus, die zu unterschiedlichsten Tag und Nachtzeiten etwa das AKH in Wien besuchte, um geeignete Dialoge zu finden.

Flüchtlingstagebuch

Davor las El Awadalla aus ihrem Flüchtlingstagebuch. Sie engagiert sich seit 2015 in diesem Bereich. Ausgangspunkt war der Tod von Flüchtlingen in einem Schlepper-LKW. Bei einem zweiten LKW, den verschiedene Augenzeug*innen – u.a. auch El Awadalla – gesichtet hatten, wurde Schlimmeres verhindert. El Awadalla berichtet ihre Erlebnisse in der Flüchtlingsarbeit ohne Larmoyanz, Moralität und Bitterkeit. Sie erzählt ihre Erlebnisse mit einem Augenzwinkern: etwa über die Tücken der Wohnungssuche, über die Schwierigkeiten der Kommunikation und über die Abenteuer, die man bei Wanderungen erleben kann. Ihr Ton und ihre Sichtweise sind dabei eine willkommene Alternative zu den marktschreierischen Zeitungsdiskursen, an die wir uns alle zu sehr gewöhnt haben.

„Summa in da Stadt 2017“: Patricia Brooks liest

Patricia Brooks präsentierte ihren neuen Roman „Der Flügelschlag einer Möwe“ im read!!ing room.  Der Schauplatz der Handlung: Triest.  Auf einer Baustelle im Triestiner Karst hebt der Baggerfahrer Milo ein Skelett aus, das bereits fast 40 Jahre in der Erde lag. Die Spur führt in die Vergangenheit zu einer Gruppe junger Menschen aus Wien, die in den 80er Jahren ihren Post-Matura-Urlaub hier verbringen.

Die jungen Menschen geraten während ihrer Reise in allerlei Verwicklungen.  Ein Mord passiert an einer Tankstelle. Eine Maturareisende ist unmittelbare Zeugin, zwei weitere der frisch gebackenen Maturanten finden die Leiche… Patricia Brooks wählt diesen Cold-Case als Ausgangspunkt für ihren Roman. Die Leiche wird im Jahr 2018 gefunden. Von diesem Ereignis aus präsentiert die Autorin die Entwicklung  jener Personen, die mittelbar oder unmittelbar in den Mord verwickelt wurden. Nach dem Mord ändert sich das Leben der meisten Maturareisenden radikal. Das Spannende: Einige Figuren wissen nicht einmal, dass dieser Mord ein „Point of no return“ für Ihre persönliche Entwicklung ist und war – und so erklärt sich auch der Titel: Ein singuläres Ereignis kann riesige und weitreichende Auswirkungen haben – wie ein Flügelschlag eben.

Das Tolle an diesem Roman ist sicherlich, dass die Frage: „Wer war der Täter…?“ nicht unbedingt im Zentrum der Handlung steht. Brooks interessiert sich vielmehr für die Entwicklungen ihrer Figuren. Einige begleiten den Leser oder die Leserin nur ein Stück des Weges, andere tauchen immer wieder auf.

Brooks las im read!!ing room zwei Auszüge, die die zeitlichen Eckpunkte der Handlung ausmachen: Der Leichenfund 2018 und die Maturareise Anfang der 80er Jahre.


Gewinnspiel:

Allen Leser/innen, die mehr über das Buch wissen wollen, empfehlen wir die Rezension von Sabine Schuster. Wenn Sie das Buch von Patricia Books haben wollen, nehmen Sie doch einfach an unserem kleinen Gewinnspiel teil. Beantworten Sie folgende Frage UND liken Sie uns parallel auf Facebook. Unter allen richtigen Antworten / Likes wird das Buch verlost. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme. Der Rechtsweg ist natürlich ausgeschlossen… Hier geht es zu unserer Facebook-Seite.

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Patricia Brooks: Der Flügelschlag einer Möwe.

Verlag Wortreich, Wien

Hardcover – EURO 19,90
ISBN 978-3-903091-27-6
320 Seiten, Roman
VÖ 5.5.2017

eBook – EURO 9,99 – erhältlich auf allen Plattformen
ISBN 978-3-903091-36-8
320 Seiten, Roman

Die Dienstagsschreiber*innen eröffneten „Summa in da Stadt 2017“

 

Bei angenehmen 25 Grad Raumtemperatur traten gleich 8 Autor/innen der Dienstagsschreiber/innen zum freundlichen Preislesen an. Die Spielregeln waren sehr einfach: Maximal 5 Minuten Lesezeit, Text und Genre frei nach Wahl. Abgestimmt wurde durch das Publikum und die Autor*innen selbst (3 Punkte, 2 Punkte, 1 Punkt).

Vielfalt der Texte

Das Tolle an der dritten Ausgabe des Preislesens: der freundschaftliche und nette Umgang der Teilnehmer*innen untereinander sowie die Diversität der Texte: Lyrik, Kurzgeschichten, Satire, To Do Listen, Essay – alles hatte Platz, Zeit und Raum.

A propos Raum und Zeit: Herbert Weiner nutzte seine 5 Minuten, um über die Entstehungsgeschichte des Universums zu referieren. Er katapultierte sich damit auf eigenen Wunsch jenseits jeglicher Bewertung – sorgte jedoch zweifelsohne für den „running gag“ des Abends. Zu gewinnen gab es auch etwas: Das Preisgeld von 100 Euro wurde unter den ersten drei Plätzen aufgeteilt, für die anderen Teilnehmer/innen gab es Sachpreise. Und ja: Auch Herbert Weiner wurde an die Bar auf ein gutes tschechisches Bier gebeten. Schließlich ist es auch eine Leistung die Erdgeschichte auf leicht überzogene 5 Minuten zu kürzen.

Übrigens: Christian Schwetz gewann den Bewerb und bewies, dass ein rapidlastiger Türstock sehr unterhaltsam sein kann! Das Preislesen der Dienstagsschreiber*innen war ein Auftakt nach Maß für „Summa in da Stadt 2017!“ Den zweiten Platz belegte Gerlinde Hackerin und auf dem dritten Platz landete Martin Peichl.

Ein literarischer Spaziergang mit der einen oder anderen Hommage: Peter Campa las Kurzgeschichten

Will man sich alle historischen und zeitgeschichtlichen Details merken, die Peter Campa in seine Kurzgeschichten verpackt, muss man schon mitschreiben. Es war also nicht Unaufmerksamkeit, sondern der Wunsch viele Informationen zu notieren, der mich zu Tablet und Stift greifen ließ. Aber dieses technische Detail ist eigentlich belanglos, vor allem, wenn die sommerliche Hitze und der Baustellenlärm Wien-Margareten heimsuchen und Franz-Josef Heißenbüttel, der im Zentrum der Kurzgeschichten stand, es kaum in seiner Wohnung aushält. Nur zu gut, dass der Schreiberling dieser Zeilen auch diese Situation nachvollziehen kann.

Literarisches und Literaturgeschichtliches

Peter Campas Kurzgeschichten rund um Franz-Josef Heißenbüttel, den ehemaligen Mitarbeiter von Manner, dessen Hund/Freund Farkas sowie um den ÖBB-Pensionisten Friedrich Kudrna sind absolut nachvollziehbar und das im besten Sinn des Wortes. Peter Campa lässt seine Figuren durch die Stadt streifen. Die Begebenheiten, die den Figuren dann passieren, dienen als Anlass für kleine Ausflüge in die Stadtgeschichte und haben – so wie der bereits erwähnte sommerliche Baustellenlärm – einen sehr hohen Wiedererkennungswert.

Diesmal verschlug es Franz-Josef Heißenbüttel in den 6. Bezirk auf die Gumpendorfer Straße ins Antiquariat „Bücher-Ernst“. Der Erzähler nahm die Gelegenheit wahr und schmökerte herum. Eine Ausgabe von Peter Altenberg war Anlass zu einer Liste jener Autor/innen und Musiker/innen, die ihre Geburtsstadt als Pseudonym verwendeten. Im Falle von Peter Altenberg, war es jedoch nicht die Geburtsstadt, sondern der Rufname und Wohnort seiner Jugendliebe Berta Lecher, was im anschließenden Gespräch geklärt werden konnte. Genau das ist eine der Dinge, die ich am read!!ing room so liebe: Autor/innen und Zuhörer/innen geben sich Feedback, bringen sich weiter, diskutieren in einer sehr amikalen Runde. Der Exkurs führte auch zu Theodor Ottawa, der weniger mit Ottawa, aber umso mehr mit Wien zu tun hatte. Mit seinen Wiener Spaziergängen, die bereits 1947 erschienen, richtete er eine Liebeserklärung an die Stadt Wien. Ottawa, der etwas in Vergessenheit geraten ist, war ein begnadeter Satiriker und Drehbuchautor.

Heldenplatz und Essay

Fließend gestaltete sich der Übergang zu Franz-Josef Heißenbüttels Betrachtungen zum Thema „Heldenplatz“, die dann irgendwann bei David Bowies „Heroes“ endeten. Gerade in dieser Passage zeigte Campa seine Stärken. Er ist in der Lage Kurzgeschichte mit Essay und Zeitgeschichte auf einfachste und leichteste Art und Weise zu verbinden – und baut Ereignisse und Alltagsgeschehnisse in seine Texte ein. S0 ließ er seine Figur auch einen Abstecher nach Speising machen. Die „Lynkeusgasse“ lag da irgendwie auf dem Weg und so verband Campa nicht nur die wichtigsten Daten zu Josef Popper-Lynkeus mit der Rahmenhandlung, sondern aktualisierte den Sozialphilosophen spielend, indem er seine Ideen („Allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage“ aus dem Jahr 1912) mit der aktuellen Debatte um die Grundsicherung/Grundeinkommen in Österreich und dem Experiment in Finnland verband, nicht ohne zum Schluss die mittlerweile legendäre Geschichte um einen Straßenbahndiebstahl in Rodaun zu erwähnen.

„Du kleines Arschloch“ als Ausgangspunkt für eine Hommage zu wählen, ist auch nicht ganz alltäglich. Aber im Falle von Freibord-Mitbegründer, Kaffeehausliterat und Beruf(ungs)querulant Hermann Schürer ist dies nur legitim, vor allem weil er – dem Einvernehmen nach – seine Bekannten in dieser Tonlage begrüßte. Campa bezeichnete Schürer als einen Vorkämpfer der österreichischen Pressefreiheit.

Eine neue Figur

Fans und Kenner/innen der Kurzgeschichten von Peter Campa staunten nicht schlecht über den Einzug einer neuen Figur: Der „Czerny-August“, der offenbar über eine derartig schlechte Aussprache und Artiklulation verfügt, dass aus einem „Lehmofen“ schon mal ein „Leimaffe“ werden kann, ist eine Figur mit Potenzial. Heißenbüttel traf Czerny bei seinem Streifzug durch Speising. Der Czerny-August war eigentlich Stammgast im „Café Industrie“, das mittlerweile auch seine Pforten geschlossen hat – und somit von Campa ein stückweit verewigt wurde. Czerny zeichnete sich neben seiner undeutlichen Aussprache, durch die Tatsache aus, dass er offensichtlich ein Schnorrer war und gerne die Bierreste aus den Gläsern austrank. Es sind Originale wie der Czerny-August, die auch einen guten Teil der Geschichten Peter Campas ausmachen.

Der letzte wichtige Pfeiler im Universum des Peter Campa sei noch kurz erwähnt. Auch bei dieser Lesung zeigte Campa erneut, dass er ein Chronist der 70er und 80er Jahre ist. So erinnerte er an das Jazz-Cafe Einhorn in der Joanelligasse im 6. Wiener Gemeindebezirk Mariahilf, das von Uzzi Foerster, einer Wiener Jazzlegende, betrieben wurde. Uzzi Foerster war der jüngere Bruder des berühmten Kybernetikers Heinz von Foerster und ein Wiener Original, das maßgeblichen Einfluss auf die Wiener Aktionismus-Szene ausübte. Campas Verdienst ist es das besondere Flair aufscheinen zu lassen, als Wien langsam aus dem Dornröschenschlaf erwachte, als die (Literatur)Szene von Originalen bevölkert wurde und „Ganz Wien“ gegen die Heurigenmentalität aufbegehrte. Er berichtet aus einer Zeit, die erst  30 bis 40 Jahre vergangen ist und doch so weit entfernt scheint. Auch das machen die Kurzgeschichten von Peter Campa aus.

 

Die Vorleser/innen: Malerei trifft Literatur

Download: Die Einleitung: „Phantastische Literatur“. Ein Abend mit Gustav Meyrink, Alfred Kubin und Franz Sedlacek“ als PDF


Unsere Reihe „Die Vorleser/innen“ dient dazu Literatur aus längst vergangenen Tagen vorzustellen. Für diese besondere Ausgabe stellte der Mödlinger Schriftsteller Peter Miniböck – übrigens eine Premiere –  eigens eine wunderbare Auswahl an phantastischen Texten zusammen. Gustav Meyrinks „Dr. Haselmayers grüner Kakadu“, Alfred Kubins „Die andere Seite“ und Franz Sedlaceks „Die Stadt“ verschmolzen zu einer eigenständigen Lesung. Miniböck verwob ausgesuchte Textstellen aus allen drei Werken und kombinierte über Metaphern und inhaltliche Stränge die Texte. Die Hauptmetaphern – Vögel, Zugfahrt und Stadt  – sorgten für einen weitgehend homogenen Text. Für die Lesung konnten Tom Burger, Horst Dinges und Bettina Gmoser gewonnen werden.

Neben den rein innertextlichen Verbindungen gab es auch äußere, vor allem biografische Merkmale, die diese Vorgehensweise geradezu herausforderten. Gustav Meyrinks Text aus dem Jahre 1928 („Dr. Haselmayer…“)  geht direkt auf ein Bild von Franz Sedlacek zurück. Franz Sedlacek, Chemiker und Maler in Wien, der bereits zu Lebzeiten einige internationale Bedeutung erlangte, malte 1926 das Bild „Die Bibliothek“, das Gustav Meyrink direkt inspirierte. Sedlaceks Bilder wurden wiederum von Texten von Gustav Meyrink inspiriert. Alfred Kubin und Gustav Meyrink verband eine Freundschaft seit dem Jahr 1905. Meyrinks Arbeit an „Der Golem“ inspirierte Alfred Kubin zu „Die andere Seite“, die wiederum Einfluss auf „Der Golem“ hatte. Kubins Buch erschien 1909, während „Der Golem“ erst 1915 erschien. Und auch Kubin und Sedlacek kannten sich. Beide waren Mitglieder der Künstlervereinigung MAERZ und veröffentlichten im „Simplicissismus.“

Texte voller Herausforderungen

Vor allem die Lektüre von „Die Stadt“ stellte eine besondere Herausforderung dar. Sedlaceks Romanfragment, das erst aus dem Nachlass veröffentlicht wurde, folgt dem Prinzip „Bilder einer Ausstellung“. Die Geschichte ist fast ohne Höhepunkte und dient als Brücke zwischen den einzelnen Bildbeschreibungen – was den Vortrag umso herausfordernder machte. Auch Kubin Werk „Die Stadt“ war nicht ohne, da sehr viele Stimmungen des Ich-Erzählers aufeinander prallten. Während Meyrink eine sehr präzise Sprache nutzte und doch eine sehr phantastische Geschichte erzählte, ging es bei Kubin und Sedlacek weitaus „expressionistischer“ zu. Langer Rede kurzer Sinn: Die von Peter Miniböck zusammen gestellte Trilogie, war eine Herausforderung für die „Vorleser/innen“ und ein Gewinn für alle.

Rückblick: Phantastische Literatur

Eine phantastische Reise in die Literatur des 20. Jahrhunderts. Texte von Franz Sedlacek, Alfred Kubin und Gustav Meyrink gelesen von Horst Dinges, Bettina Gmoser und Tom Burger. Arrangement der Texte: Peter Miniböck

Posted by read!!ing room – Verein zur Förderung von Alltagskultur on Samstag, 10. Juni 2017

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beziehungsweise gelogen – drei junge Männer wagen es beziehungsreich: Eine Menüfolge

Die 3M: Martin Peichl, Maximilian Kaiser, Max Haberich

„Zum Feiern haben wir nichts.“ Der erste Satz von Martin Peichl war das perfekte Anti-Motto für einen Abend, an dem es sehr wohl sehr viel zu feiern gab. Drei junge Männer der Literaturgruppe „Jung Wien 2014“ waren angetreten, um das Thema Beziehung auf allen möglichen und unmöglichen Ebenen zu beleuchten. Peichls erotischer Zugang zu Literatur und Sprache wurde gleich einmal sehr konkret. Erigierte Metaphern prallten zwischen einem Ich und einem Du ineinander. Der zweite Text deutete bereits einen zweite Tendenz an. Es ging neben Beziehungen auch um Musik, um Pop(kultur) im besten Sinn. Ein  Reggae, also. „Roxanne“. Kam den meisten wohl bekannt vor und doch war sie irgendwie neu, diese Roxanne. Denn Roxanne war anders – irgendwie resolut. Sie vertrat die Meinung, dass man in Linz eingehe – no offense.

Maximilian Kaiser schloss mit „Automatische Begierde“ an. Wieder tauchte es auf … das Du, das unerreichbare Du. Kaiser übte sich im zeitgenössischen Minnesang – auch wenn die Angebetete so anders, so kalt und so metallisch war – eine neue „Christine“ vielleicht? Der Dritte im Bunde – Max Haberich – rundete die literarischen Vorspeisenorgie mit „Ein Freund“ ab. Haberich besuchte die Untiefen dessen, was man eine bürgerliche Ehe nennt und vermittelte sehr rasch, dass eine einseitige Liebe sehr brutal sein kann. Dieses Thema bearbeitete Haberich in einer klassisch gehaltenden Erzählung.

Wir deklinieren „schnackseln“

Martin Peichl servierte den zweiten Gang und führte seinen Dialog zwischen einem Ich und einem Du in das Metaphernfeld des Theaters und des Films – inklusive Deklination des wunderbaren Verbs „schnackseln“.  Und wenn Sie jetzt „Huch, darf der das?“ denken, kann ich Ihnen versichern: Es ist keine große Sache in literarischen Gefilden Verben, die Geschlechtsverkehr beschreiben, zu deklinieren. Schließlich hat Marcel Reich-Ranicki vor laufender Kamera das Wort „ficken“ auf unnachahmliche Weise gebeugt. Und seien wir ehrlich: Schnackseln ist allein aus klangmalerischer Sicht das feinere Verb.

Maximilian Kaiser sorgte für das lyrische Entremet der zweiten Speisefolge. Er trug Gedichte vor, die sich mit den Beziehungen zwischen „Menschen und Umwelt“ beschäftigten. Er bearbeitete das Thema mit stark expressionistischen Gedichten wie „Alte Tage… Man fühlte sich an einen phantastischen Expressionismus der Zwischenkriegszeit erinnert. Kaiser bewies, dass er verschiedene Register ziehen kann. Sein Entremet war zwar nicht ganz so bekömmlich – aber das war ein gut gesetzter Gegenpunkt zu den bis zu diesem Zeitpunkt kredenzten Speisen.

Max Haberich kam in seiner Prosa auf den Hund und servierte zum Abschluss dieses Ganges nicht nur eine leicht bekömmliche Prosa, sondern servierte den Hund seiner Geschichte einfach ab.

Der dritte Gang – heavy stuff und Dessert

Nach einer kurzen Pause ging es weiter. Max Haberich kredenzte ein schweres Gericht Marke „heavy stuff“. Das Thema: Eine Variation auf den Ärzte-Song „Manchmal, aber nur manchmal haben Frauen ein bisschen Haue gern“. Maximilian Kaiser schloss sich mit Gedichten aus seiner Sammlung „Herbstgedanken“ an – und servierte ein Kontrastprogramm. Ein „Ozean der Gefühle“ führte zum „Abschied“. Als kleines Soufflé bot er noch ein formvollendetes Sonett an. Martin Peichl beendete den dritten Gang und leitete seinen  Text mit „Man kann Wikipedia lesen oder dem nächsten Text zuhören“ ein. Sein Ausgangspunkt war die Expedition der „Endurance“ durch die Antarktis, die Entdeckung des Pluto und die Entwicklung des Post-Its. Peichl schlug den Bogen von großen Entdeckungen zum Alltag einer Mann-Frau-Beziehung. Grandios. Nachtisch und Tee wurden von Max Haberich auf einem literarischen Teewägelchen in den Salon gerollt. Obwohl schon eine spätere Stunde schlug, entführte der Arthur-Schnitzler-Spezialist das anwesende Publikum in die bisweilen bizarre Welt einer Upper-Class-5-Uhr-Tee-Gesellschaft an der Udo „Aber bitte mit Sahne“ Jürgens eine wahre Freude gehabt hätte. Mit den Ingredienzien Tratsch und Käsekuchen stellte Haberich sein satirisches Talent unter Beweis.
Maximilian Kaiser lud mit seinen Premierentext „Whisky und One Night Stand“ an die virtuelle Bar und zum Digestiv. Ein Date im studentischen Milieu mit Bier und Whisky artete mit zunehmendem Alkoholkonsum in eine Konfrontation mit dem eigenen Ich aus. Virtuos.

Martin Peichl schloss seine Lesung mit zwei Texten: „Fotos“ und „Donau.Kanal.Treiben“, eine Variante des Romeo und Julia-Sujets mit Radiohead und Soundgarden – Soundtrack. Er sorgte für den Nachschlag des Abends. Erdäpfelgulasch kann ja so geil sein.