Poetenautomat, Intertextualität, Copy&Paste: Die „Lange Nacht der Philosophie“ im read!!ing room

Klein und Neubauer

Ausgangspunkt des Vortrages von Simone Klein und Karl Neubauer war der Poesieautomat von Hans Magnus Enzensberger. Der Poesieautomat steht im Literaturmuseum in Marbach und erzeugt auf Knopfdruck ein Gedicht: Aus einem Wortschatz von gerade einmal 400 Wörtern seien 10 hoch 36 unterschiedliche Gedichte möglich.  Der 1974 von Enzensberger verfasste Essay zum Thema war der ideale Ausgangspunkt für den diesjährigen Beitrag des gemischten Doppels Klein und Neubauer im Rahmen der „Lange Nacht der Philosophie“, die jährlich in Wien stattfindet und von der „Gesellschaft für angewandte Philosophie“ veranstaltet wird.

Wozu dient ein solcher Automat?  Welche Ambitionen kann ein Dichter oder eine Dichterin haben, sich quasi selbst abzuschaffen? Enzensberger sah sein Experiment als Spiel – ohne jeweils daran zu denken, das Ding wirklich zu bauen. 2000 wurde der Automat dann schlussendlich gebaut. Aus einem Gedankenexperiment wurde Realität.

Automatisierung und Sprache

Über Enzensberger hinaus gedacht, ist die Frage nach der allgemeinen Automatisierung eine der brennendsten Fragen unserer Zeit. Die Entwicklung immer neuer Technologien, die uns das Leben vereinfachen sollen und uns gleichzeitig weiter in die Abhängigkeit treiben, ist evident. Die Dialektik aus Bequemlichkeit und Abhängigkeit ist allgegenwärtig.

Klein und Neubauer  zeigten  anhand des allseits beliebten Smartphones, dass sich die Technik nicht immer an die Wünsche und Unzulänglichkeiten des Menschen anpasst. Gerade die Eingabe per Stylus-Stift oder per „Daumenkino“ über eine virtuelle Tastatur ist angesichts der Errgungenschaften der Schreibtechnik (Schreibmaschine, ausgefeilte EDV-Programme) eigentlich ein Rückschritt. Die technischen „Errungenschaften“ des Smartphones führen dazu, dass die Sprache an die Technik angepasst wird und nicht die Technik an die Sprache: Emojis und Kurzzeichensprache seien ein beredter Ausdruck dafür, dass Menschen bereit sind, sich an die Technik anzupassen oder sich ihr zu unterwerfen. Die automatische Textkorrektur sei ein weiteres Beispiel, wie sich der Sprachgestus und die Sprachproduktion durch die Technik veränderten.

„Bau dir deinen eigenen Poetenautomaten…“

Da das spielerische und dialogische Prinzip wichtige Ingredenzien der Ausführungen von Klein und Neubauer sind, erarbeiteten die beiden ihren ganz eigenen Poetenautomaten. Auf Basis der Programmiersprache Python und des „Natural Language Toolkits“ ist es möglich einen digitalen Textkorpus auf Konkordanzen zu untersuchen. Konkordanzen sind alphabetisch geordnete Listen von wichtigen Schlüsselbegriffen, Wörtern und Phrasen, die in einem schriftlichen Werk verwendet werden. Wenn man also  auf Basis des Reimschemas eines Sonettes das Werk von Shakespeare oder Nietzsche nach Konkordanzen absucht, lassen sich neue Sonette oder Texte bauen. Auch lassen sich Rosa Mayreder und Friedrich Nietzsche aufgrund ihrer bereits publizierten Texte in einen Dialog bringen.

Klein und Neubauer bauten also ihre Version eines Poetenautomaten und remixten Texte. Aber wozu dies alles? Wenn alle alles remixen, kombinieren und neu zusammenstellen können – wenn also die Intertextualität als Prinzip von Neuschaffungen dient – ist das Ergebnis dann noch Kunst, sprich ein Akt einer singularen Schaffung, die bestenfalls zu einem mehrdeutigen Ergebnis führt? Oder wird das Kunstwerk vom Schaffensprozess komplett losgelöst? Klein und Neubauer stellten also explizit die Frage nach Originalität versus Originellität ebenso wie die Frage nach der Autor/innenschaft im Zeitalter von Copy & Paste. Ferner befragten die beiden das Kunstwerk im Zeitalter der seriellen „PRO“duktion und stellten die Theorie des „Selbstmords des Autors“ durch die Anwendung von literarischen Techniken, die Texte ohne jeglichen Sinn produzieren (siehe DADA, Collagen von Herta Müller) in den Raum.

Eine Tour d’horizon: Dekonstruktivismus und konkrete Poesie

Die Tour d’horizon des philosophischen Abends streifte die Dekonstruktivisten, die „Konkrete Poesie“ und insbesondere Ernst Jandls Gedicht „Ein Gleiches“, das ein extremer Fall von Intertextualität ist. Böse Zungen würden von Copy and Paste bei Goethe sprechen. Dann streiften Klein und Neubauer das Thema der Reduktion und galoppierten schnurstracks zur wichtigsten Frage der Philosophie: „Was macht den Menschen aus?“ Eine mögliche Antwort wurde im Schlusssatz angerissen…

„In diesem Sinne hoffen wir, dass sich doch immer wieder Einige finden werden, die nicht müde werden, denkend zu dichten und dichtend zu denken und dass die Menschheit wieder zur wahrhaften Poesie und poetischen Sprache zurückfinden möge, die der Philosoph und Schriftsteller Johann Georg Hamann (…) vor 250 Jahren so trefflich als „die Muttersprache des menschlichen Geschlechts” bezeichnet hat.“

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