Der Leseraum wurde zu einem fröhlichen Wohnzimmer

Michaela Hinterleitner, Ilse Kilic, Fritz Widhalm und Patricia Brooks

Die Edition „Das Fröhliche Wohnzimmer“ (kurz: DFW) verwandelte am 14. Dezember 2015 das read!!ing room-Sprechzimmer in ein Zentrum der experimentellen und zeitgenössischen Wiener Literatur, was nicht nur an den Vortragenden und Lesenden lag, sondern auch am Publikum. Viele Autor/innen waren gekommen um die Texte von DFW zu hören. Patricia Brooks, die in vielen Bereichen der Literatur zu Hause ist (Hörspiel, Experimentelles) las Texte aus den Anthologien, in denen sie in den letzten Jahren mitgewirkt hatte. Brooks zeigte ihre ganze sprachliche Farbpalette, u.a. auch indem Sie französische und englische Wörter in ihre Texte einwebte – was aus Ihrem Mund weder bemüht noch aufgesetzt wirkte.

Die zweite Vortragende war Michaela Hinterleitner. Sie schloss die „Lesung der Wohnzimmer-Kinder“, wie Ilse Kilic sich ausdrückte, ab. Michaela Hinterleitner griff das Bonmot des Abends auf . Ihr erster Text trug den einprägsamen Titel „Wachsam“. Während Brooks für die leisen Töne zuständig war, steigerte die junge Autorin ihren Teil der Lesung zu einer wahren Performance. Vor allem die “Die Common Sense” (wohnzimmers buntes lyrikheft nr.8; mit Bildern von Ilse Kilic & Fritz Widhalm) zeigte wie schön der Umgang doch mit sprachlich „falschen Freunden“ sein kann. Die „Common Sense“ zerschnitt alles, was ihr unter die Klinge kam.

Fast ähnlich radikal war der nächste Text. „Der Aufesser“ – eine besonders elaborierte Antithese zum hiesigen Suppenkaspar – blieb in Ton und Darstellung stimmig. Hinterleitner entwarf vor den Ohren des Publikums einen Aufesser, der vor nichts haltmacht. Der Text erinnerte mich an den alten Spruch, den vielleicht der eine oder die andere besonders in Kindeszeiten ungern hörte und den zumindest ich zu verdrängen suche: „Wenn du nicht aufisst, gibt es keinen Nachtisch mehr“. Nur wie gut, dass mit der Ausscheidung des Aufessers, die ganze Welt wieder von vorne beginnt. Aber Frau Hinterleitner ließ auch Sommergedichte und Erotisches vom Stapel – beides passte gut zum roten Licht und der zunehmenden Wärme im Sprechzimmer. Das für mich Wunderbare an Michaela H.’s Texten ist, dass sie sehr erwachsene Themen in einer unprätentiös kindlich-erwachsenen Sprache präsentiert und somit die Möglichkeit sich bietet, den Themen wirklich auf den Grund zu gehen. Die Autorin beendete ihre Lesepart „Wunschlos Glücklich“ und mit der Erkenntnis, dass man alle Nieten mit ins Grab nehmen solle.

Nach den Kindern lasen die Eltern

Den letzten Teil der Lesung bestritten quasi die Eltern von „Das Fröhliche Wohnzimmer“- Ilse Kilic und Fritz Widhalm.

Sie lasen aus dem Verwicklungsroman, der in der „Edition ch“ erschien und verwiesen implizit noch einmal auf Günter Vallasters Lesung am 01. Dezember, die ja wirklich ein „warming up“ für „Das Fröhliche Wohnzimmer“ war. Diese Freiheiten waren den Eltern des DFW erlaubt und so starteten sie ihre Lesung mit dem Kapitel 561. Fritz Widhalm und Ilse Kilic verwiesen explizit darauf, dass die Protagonisten der Texte absolut nichts mit den Autoren zu tun hätten. Ähnlichkeiten mit den handelnden Personen seien natürlich absolut zufällig und absolut ungewollt. Das Schöne an Widhalms und Kilics Verwicklungsroman ist der Wienbezug im besten Sinne des Wortes. Ein Dachausbau kann natürlich da zu einem persönlichen Problem werden, das fast ebenso schwer wiegt, wie etwaige Gedanken zu Zweierbeziehungen. Schauplatz der Handlung ist der 8. Bezirk, was natürlich – und auch dies wurde klar gestellt – wieder nichts mit den Autoren zu tun hätte. Ilse Kilic und Fritz Widhalm entwickelten in den kurzen und kurzweiligen Kapiteln die Geschichte zweier Menschen, die einen etwas ungewöhnlichen Start in ihre gemeinsame Beziehungsreise haben. Für mich waren die Diskussionen der beiden Hauptfiguren, die in einer“ ja, aber“-Schleife endeten und ein Musterbeispiel für den Worst-Case in jeder Beratungssituation darstellen, ein absolutes Highlight. Ein Lehrstück, das unbedingt in die einschlägigen Fachbücher aufgenommen werden sollte. Ganz nebenbei lieferten Kilic und Widhalm eine Gesangseinlage, die bereits kurz nach dem Abklingen zu den memorablen Momenten in 13 Jahren read!!ing room-Geschichte zählen sollte.

Ein versöhnlicher Abschluss mit einem Schuss Weisheit

Widhalm und Kilic wagten dann einen Sprung in das Kapitel 464. Es wurde weihnachtlich. Zum ersten Mal an diesem Abend. Die weibliche Hauptfigur Jana legte eine Liste der besten Weihnachtsfeste an. Die Liste hatte den Anspruch auf Vollständigkeit, ein Unterfangen, das bei jedem von uns zum Scheitern verurteilt ist. So auch nicht anders bei der Hauptfigur Jana. Ich persönlich fand diese Listenerstellung ungemein witzig. Sie eröffnete einen ungemeinen Spielraum für Komik und Humor, auch wenn sich allzu oft ein ernster Hintergrund abzeichnete. Nur um ein Beispiel zu geben: Jana kommt auf die wunderbare Idee des Weihnachtsbaumsrecyclings. Dies besteht darin bereits weggeworfene Weihnachtsbäume von der Weihnachtssammelstelle zweitzuverwenden. Fast schon melancholisch war der Schluss und die Erkenntnis, dass man weniger Weihnachtsfeiern feiern werde, als man bereits gefeiert hat. Aber Kilic und Widhalm blieben aich nach dieser Feststellung weise, versöhnlich und optimistisch. Ihre Hauptfiguren nehmen Weihnachten, wie es kommt.


 

Auch Eva Jancak berichtete über die Veranstaltung: Lesen Sie den Beitrag von Eva Jancak hier

 

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